Autoren und Redakteure im deutschen TV

Warum deutsche TV-Unterhaltung Müll ist

 

Das folgende Essay stammt aus der Feder eines befreundeten Kollegen. Es ist schon etwas älter und war ursprünglich als Vorwort für einen Ratgeber über das Schreiben für Comedy-Formate im TV gedacht. Als zu nestbeschmutzend empfunden erblickte es bislang nicht das Licht der Welt. Ich hole das hier mit freundlicher Genehmigung nach, weil die darin getroffenen Aussagen leider wahr sind.

Daniel Dekkard

 

Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, und grün des Lebens goldner Baum.

Steht in Goethes Faust, aber das sagt Mephistopheles, der Verführer! Die Kenntnis der „grauen Theorie“ ist unabdingbar notwendig. Das steht außer Zweifel, und so grün ist des Lebens goldner Baum auch wieder nicht. Jeder Autor wagt sich in der lobenswerten Absicht in das Feindesland Fernsehen, um eine gute Geschichte zu erzählen. Und davon zu leben. Doch davor hat die göttliche Flimmerkiste zwei gewaltige Hindernisse gesetzt. Ich will hier verallgemeinernd von Geschichten sprechen, denn das Gesagte gilt für alle Formate, ob es sich dabei um einen Sketch, eine 30-Minuten-Sitcom, eine 45-Minuten-Serie oder, für die wenigen Glücklichen, um einen 90-Minuten-Fernsehfilm handelt. Und obwohl sich dieses Buch mit der Komik beschäftigt, trifft das Folgende auch für das Drama zu.

Mit Geschichten ist also alles gemeint, was ein Autor in der Absicht verfasst, es an eine Sendeanstalt zu verkaufen. Alles, was dort von einem Redakteur verhunzt und von mittelmäßigen Schauspielern unter zweifelhafter Regie zu etwas verbraten wird, das von der ursprünglichen Absicht so weit entfernt ist wie eine Kartoffel von der Quantenphysik. Und damit sind wir schon beim ersten Hindernis:

Der größte Feind einer guten Geschichte ist der Autor

Verhunzen und verbraten kann man einen Text nämlich nur, wenn er gut ist. Und da hapert´s meist schon. Unter Autoren, besonders unter jenen, die schon gut von ihrer Arbeit leben können, kursiert eine unheilbare Krankheit. Die Überzeugung, genial zu sein. Und unverstanden, das ist untrennbar mit Genialität verbunden. Stoßen ihre Werke auf Widerspruch, liegt es immer an den anderen, nie am Autor. Alles, was er schreibt, ist in Stein gemeißelt, die kleinste Kritik eine Beleidigung. Sogar mit aller Vorsicht vorgetragene Anmerkungen geschätzter Kollegen, hier oder da etwas zu ändern, werden stets entwaffnend abgebügelt mit dem Satz: „Wieso? Ist doch gut.“

Es verbietet sich von selbst, der Arbeit eines Genies auch nur den geringsten Mangel vorzuwerfen. In diesem Punkt unterscheiden sich Schreiber nicht von anderen Künstlern. Sie wollen geliebt, gelobt, und gefälligst nicht in Frage gestellt werden. Wo auch immer diese etwas hochtrabende Einschätzung des eigenen Könnens herrührt: Träfe sie zu, müsste das deutsche Fernsehen vor exorbitanter Qualität geradezu bersten. Deutscher Humor stünde gleichauf mit dem viel gelobten britischen und müsste sich nicht den berechtigten Vorwurf machen lassen, überwiegend grobschlächtig und oberflächlich zu sein. In der britischen Variante des bekannten Witzes über die „fünf dünnsten Bücher der Welt“ lautet eine der Antworten: „500 Jahre deutscher Humor“!

Und das trifft´s! In Deutschland werden die Qualitätsstandards englischer und amerikanischer Produktionen schmerzlich vermisst. Die werden fleißig importiert. Wir exportieren im Gegenzug „Derrick“ und „Schwarzwaldklinik“! Um´s kurz zu machen. Es gibt in Deutschland keine genialen Autoren. Es gibt wenige gute und ein Haufen Mittelmaß. Wer´s nicht glaubt, braucht nur die Kiste einzuschalten. Der Stuss, der dem Zuschauer um die Ohren geschlagen wird, ist nicht ausschließlich den Schreiberlingen anzulasten. Aber sie haben einen gehörigen Anteil daran.

Die Ursachen liegen auf der Hand. Selbstüberschätzung, mangelnde Kritikfähigkeit und vor allem die Weigerung, den Beruf als etwas anzuerkennen, das man erlernen muss. Wie die Malerei ist Schreiben eine Kunst, der eine Technik zugrunde liegt. Und die gilt es zu beherrschen. Leonardo da Vinci hat nicht einfach Farbe auf eine Leinwand gekleckst und dann gesagt: „Oops. Na, so was. Dann nenn ich das jetzt mal Mona Lisa. Herrgott, bin ich genial.“

Der „geniale Autor“ von heute leistet sich hingegen die Ignoranz zu glauben, er bedarf grundsätzlich nur zweier Dinge. Privat irgendwie echt lustig zu sein und die Fähigkeit, Buchstaben in eine lesbare Reihenfolge zu arrangieren. Dann noch ein bisschen Fernsehen geguckt, englische und US-amerikanische Serien natürlich, und der Karriere steht nichts mehr im Wege.

Das Blöde ist: Einige haben damit tatsächlich Erfolg. Da lohnt sich aber ein genauerer Blick. Die in jüngster Zeit erfolgreichsten Comedy-Formate im deutschen Fernsehen sind schlechte Kopien ihrer anglo-amerikanischen Vorbilder. Man nennt so was „adaptieren“. Ein Euphemismus für „klauen“. Das geht soweit, dass einzelne Episoden komplett bis hin zu den Kameraeinstellungen „adaptiert“ werden. Die Leistung der Autoren beschränkt sich dabei auf die Übersetzung der Original-Dialoge! In der schreibenden Zunft gilt somit das gleiche wie in unserem kapitalistischen Alltag: Wenn man nichts hat, bleibt einem nur der Diebstahl. Häufig genug wird ausgerechnet dieser Schund auch noch mit Preisen überhäuft. Was die so „bepreisten“ Autoren endgültig von ihrer Genialität überzeugt.

Ebenso fatal wirkt sich ein anderer Umstand aus. Anfänger geraten oft „irgendwie“ an ihren ersten Job. Meint, durch Beziehungen. Dergestalt, dass ein Bekannter einem Produzenten steckt, es doch mal mit diesem oder jenen Autor zu versuchen. Der sei privat irgendwie echt lustig. Vielleicht hat der ja was drauf. Der Anfänger stoffelt sich also learning by doing durch seine erste Produktion. Man verlangt von ihm, aus dem Stand professionelle Texte abzuliefern, wo er bislang nur Briefe an´s Finanzamt geschrieben hat oder an Mutter. Beim Sketchschreiben klappt das so leidlich, je nach Talent. (Braucht man auch, ja). Aber eben nur leidlich. Mit ein Grund, warum deutsche Comedy-Shows in Bezug auf Qualität meilenweit den ausländischen Produktionen hinterherhinken. Überlebt der Anfänger den Sprung ins kalte Wasser, setzt prompt der Prozess der Selbstüberschätzung ein. „Wenn sie mich nicht rausgeschmissen haben, muss ich ja gut sein!“

Dabei sind die meisten nur Einäugige unter Blinden, glauben aber, wenn das bis jetzt geklappt hat, klappen noch ganz andere Dinge. So ganz von allein. Und hier irrt der Autor. An diesem Punkt ist nämlich er selbst vom Erschaffen qualitativ hochwertiger Texte so weit entfernt wie die Kartoffel von der Quantenphysik. Was tun?

Die Comedy in Deutschland auf ein ungeahntes Niveau hoch zu katapultieren, kann der Autor natürlich nicht allein bewältigen. Es gibt eine Menge Gesetzmäßigkeiten, auf die er gar keinen Einfluss hat. Aber seine Arbeit ist das Fundament, und wenn schon daran geschlampt wird, muss man sich nicht wundern, wenn die ganze Bude zusammenkracht. Fangen wir mal ganz von vorne an.

Kein Autor hat das Recht, ernst genommen zu werden, wenn er nicht wenigstens sein Arbeitszeug, die Sprache, beherrscht. Es sind schon Texte in der Tonne gelandet, in denen eine verwertbare Idee steckte. Aber auch derart viele Interpunktions – und Orthographie-Fehler, dass die Geduld der Leser auf der Strecke blieb. Derjenigen Leser, die die Idee kaufen sollten. Einem Musiker, der so achtlos mit seinem Instrument umgeht, hört man auch nicht lange zu. Das mögen noch Einzelfälle sein. Schlimmer sieht´s beim Sprachstil aus.

Die meisten Autoren scheinen der Ansicht zu sein, ihre Arbeit bestünde darin, ihre Ideen möglichst wortreich zu Papier zu bringen. Viel hilft viel. Falsch! Ihre Aufgabe besteht darin, interessante Geschichten zu erzählen. Und zu verkaufen! Das heißt auch, den Käufer vom ersten Satz an für diese Geschichte zu begeistern. Und dann verzetteln sie sich in unwesentliche Details und öden die Leser/Käufer mit ellenlangen Beschreibungen an, wie was warum auszusehen hat. Die Konzentration sackt auf den Nullpunkt. Und selbst wenn am Ende eine knallige Pointe steht, zündet sie nicht, weil sich keiner mehr an den kreuzlangweiligen Anfang erinnern kann. Wenn sie sich denn überhaupt bis zur Pointe durchgeackert haben.

Dann die Technik! Jede Geschichte, und das gilt sogar für Gebrauchsanweisungen, hat eine Struktur. Was macht der Autor? Skribbelt seine Nummer ohne Sinn und Verstand zusammen, um ja auch jeden Aspekt seiner genialen Idee auszuwalzen. Und bricht dabei jedes Gesetz, selbst wenn es manchmal nur ein einziges ist, das es zu beachten gilt.

Eine Sitcom-Episode hat drei sogenannte plot points, an denen die Story eine überraschende Wende nimmt. Diese Struktur dient dem Spannungsaufbau. Nur lustig reicht nämlich nicht. Man nehme eine von den gern zitierten amerikanischen Sitcoms und wird feststellen, dass man nach den drei Wendepunkten seine Uhr stellen kann. In deutschen Sitcoms verläuft man sich oft schon auf der Suche nach dem ersten im Dickicht endlosen Geschwafels. Bevor man an die Stelle gelangt, wo eigentlich der zweite sitzen sollte, ist man in der Regel schon eingeschlafen. Wäre Beethoven mit seiner Musik so umgegangen, würde man heute von seiner 9. Kakophonie sprechen.

Nichtsdestotrotz meint jeder Autor, seine Werke wären aus dem Stand perfekt gelungen und bedürften nicht der geringsten Überarbeitung. Ganz großer Irrtum. Es sitzt in der Psyche des Menschen, Dinge, auf die er Zeit, Energie und Lust verwendet hat, für gut zu befinden. Grundsätzlich ist das auch in Ordnung so. Manchmal rattert man sogar einen Text runter, der so rund ist, dass man ihn nur noch durch die Rechtschreibprüfung jagen muss. Die Regel ist das nicht. Ein zweiter oder dritter Blick lohnt sich auf jeden Fall und schnell fallen einem die Mängel auf. Für ein geschultes Auge kein Problem. Niemand ist fehlerfrei! Auch die wenigen guten Autoren nicht.

Eine kritische Beurteilung durch einen Außenstehenden ist also immer hilfreich. Vor allem der Anfänger sollte das aber niemals Freunden oder Verwandten überlassen. Die finden immer alles gut, was man macht. Schon allein, um keine Gefühle zu verletzen. Meistens haben sie von der Materie noch weniger Ahnung und sind zudem hellauf begeistert, einen Künstler in der Familie oder Freundeskreis zu haben. Ihnen kommt nicht mal der Gedanke, irgendwas an dem Text könnte schlecht sein. Wo der Verfasser doch privat schon echt lustig ist. So lieb das auch gemeint sein mag, es ist tödlich. Der Autor sitzt nur der Illusion auf, bereits ein echter Könner zu sein.

Eine andere Macke ist auch Fortgeschrittenen wohl nur mit Stockhieben auszutreiben. Den Drang, als Erfinder einer Idee allen nachfolgenden Gewerken Vorschriften darüber zu machen, wie sie diese Idee ins Bild umzusetzen haben. Nehmen wir mal die simple Idee: „Kommt ein Mann zum Arzt.“

Wenn es für die Pointe nicht essentiell ist, wie der Ort des Geschehens aussieht, braucht man ihn auch nicht zu beschreiben. Eine Arztpraxis auszustatten ist Sache des Requisiteurs. Das gleiche gilt für das Aussehen der Figuren. Darum kümmern sich Masken- und Kostümbildnerinnen. In diesem Fall brauchen die Figuren nur unterscheidbar sein. Mann und Arzt eben. Ist es für den Gag wichtig, dass ein Penner in die Praxis kommt, schreibt man halt „Penner“. Aber nicht „ein Penner mit abgeranztem Mantel, löchrigem Hut und Schnapsflasche in der Manteltasche“. Penner haben immer abgeranzte Klamotten, aus denen meistens eine Schnapsflasche guckt. Es ist schlichtweg arrogant, den Filmschaffenden vor Ort auf diese Weise klarzumachen, dass man sie für eine Bande von phantasielosen Schimpansen hält.

Was die Kamera macht, hat in einem Text absolut nichts zu suchen, von ganz wenigen, sehr speziellen Ausnahmen abgesehen. Und richtig gefährlich wird´s, wenn man dem Regisseur gleich die ganze Inszenierung mitliefert. Je nach Temperament des Meisters ist es nicht unwahrscheinlich, tatsächlich mit Stockhieben traktiert zu werden. Zu Recht! Den Autor scheint´s nicht zu kümmern. Nicht wenige von ihnen sind der Meinung, nur sie selbst könnten ihre Ideen so umsetzen, wie sie sie im Kopf haben. Versucht´s. Ihr werdet kläglich scheitern. Dazu sind Talente notwendig, die nur einige Ausnahme-Künstler besitzen. Woody Allen ist so einer. Oder die Coen-Brüder. In Deutschland vielleicht Michael Herwig und Detlev Buck. Wer hat die Stirn zu behaupten, es mit einem davon aufnehmen zu können?

Schuster, bleib bei deinen Leisten. Gut schreiben zu können ist schon eine Kunst, die wirklich nicht jeder beherrscht. Und wozu das alles? Ganz einfach, man braucht dieses Rüstzeug, um eine wirklich gute Geschichte zu schreiben. Eine gute Geschichte ist die schärfste Waffe im Kampf gegen einen mächtigen Gegner, mit dem es jeder Autor irgendwann zu tun bekommt. Denn …

Der größte Feind einer guten Geschichte ist der Redakteur

Trägt denn des Lebens grüner, goldner Baum endlich Früchte, werden sie nicht auf der Stelle zu etwas Wohlschmeckendem verarbeitet. Nein, sie fallen zuerst einem Redakteur vor die Füße. Er allein ist in der Lage, matschige Stellen zu entdecken, vornehmlich dort, wo keine sind. Damit er seinen Lieblingssatz loswerden kann, der Satz, der seine selbst geschaffene Daseinsberechtigung manifestiert: „Schöne Idee, aber …“

Und dann geht er daran, so lange herumzudrücken, bis nur noch Mus übrig ist. Ja, aber hallo, möchte man da ausrufen. Wenn der Autor soviel Mist baut, braucht´s da nicht eine regulierende Instanz, um das Beste aus den Geschichten zu machen? Klare Antwort: Ja! Aber eine, die dazu imstande ist. Und da hapert´s eben auch gewaltig.

Das Berufsbild des Redakteurs im Bereich Film und Unterhaltung, wie in den Informationsbroschüren der öffentlich-rechtlichen Anstalten wiedergegeben, sieht kurz gefasst folgendermaßen aus:

„Er/sie wählt geeignete Stoffe aus, überarbeitet sie gemeinsam mit den AutorInnen und betreut die Sendung redaktionell.“

Was letzteres bedeutet, darüber schweigt sich die Broschüre aus. Vermutlich verbirgt sich dahinter keine konkrete Tätigkeit. Ich habe etliche Schauspieler getroffen, die mich fragten, was eigentlich ein Redakteur macht. ICH konnte es ihnen nicht beantworten.

„Wählt geeignete Stoffe aus“ möchte ich genauer sezieren. Die Eignung eines Stoffes setzt bestimmte Kriterien voraus, nach denen diese beurteilt wird. Wer sich die jüngste Telenovela-Flut im ZDF antut, kann nur düster ahnen, welche Kriterien das wohl sein mögen. Darunter werden sich keine befinden, die den Begriff „Qualität“ auch nur streifen. Zappt man durch alle Kanäle, die Privaten inbegriffen, entsteht schnell der Eindruck, dass auf die Auswahl geeigneter Stoffe nicht allzu viel Zeit und Mühe verwendet wird. Hinter jedem einzelnen Pfund Mist, der da zu einem respektablen Haufen zusammengekarrt wird, steckt berufsbild-mäßig ein Redakteur. Und dennoch, man möchte fast sagen, obwohl ein Redakteur daran beteiligt war, ragen einige Programme eine Handbreit über diesen Müll hinaus. Und damit gelangen wir zum Mittelteil jenes Berufsbildes: „… überarbeitet sie (die geeigneten Stoffe) gemeinsam mit den AutorInnen …“

Schön wär´s!

Der Fairness halber sollte zunächst gesagt sein, dass für Redakteure das gleiche zutrifft wie für Autoren: wenige Gute und viel Mittelmaß. Gut bedeutet: Lautlos und effektiv im Hintergrund wirken, bei was auch immer, statt noch ins letzte Jota reinzuquatschen. Und weil diese Fähigkeit leider nicht sehr weit verbreitet ist, begleitet diesen Berufszweig ein ähnlicher Klang wie Versicherungsvertreter oder die Zeugen Jehovas. Makler und Bibelverkäufer wird man vergleichsweise einfach wieder los, Redakteure nicht. Der in vielen Fällen berechtigte Unmut über diese Kletten hat mehrere Gründe, von denen der schwerwiegendste zugleich der am wenigsten nachvollziehbare ist.

Der Akt des Schreibens gilt in den Redaktionsstuben dieses Landes der Dichter und Denker nämlich erstaunlich wenig. Dem Autor wird dort wenig bis gar kein Vertrauen geschenkt. Niemand wagt es, einem Regisseur ins Zeug zu reden. Der Regisseur ist Handwerker, Künstler und Psychologe in einem. Der erste Teil davon ist erlernbar, aber es wird schweigend eine Begabung vorausgesetzt, die das Handwerk zur Kunst erhebt. Dieser Begabung wird die gebührende Achtung zuteil, weil´s eben nicht jeder kann. Nicht so dem Schreiben. Das kann jeder! Haben ja alle das Alphabet gelernt. Und flugs verallgemeinert man das Schreiben zu etwas völlig Alltäglichem, das keinerlei Begabung bedarf. Dem Salz für die Suppe wird keine Beachtung geschenkt, solange nur genug Kurkuma, Kaffir und Safran drin ist. Ob die Plörre dann schmeckt, ist zweitrangig.

Das Schreiben für Film und Fernsehen besteht eben nicht nur aus der Aneinanderreihung von Wörtern, damit sie dann irgendeinen Sinn ergeben. Dieses tatsächlich von jedermann erlernbare Handwerk macht nur einen Bruchteil der Arbeit aus. Der nicht unerhebliche Rest ist die Kunst des Erzählens, Phantasie, Erfindungsgabe. Das wird im Deutschunterricht nicht mitgeliefert! Aber der Redakteur glaubt sich einer Bande halbgebildeter Lümmel gegenüber, die ihr Talent nur herbeireden. Diese eklatante Missachtung der Schreib-Kunst erfährt noch eine Steigerung. Es fühlt sich nicht nur jedermann befähigt, Texte nach Gusto zu verwursten, sondern geradewegs dazu berechtigt!

In Buchbesprechungen sitzt neben dem Redakteur oft genug ein Redaktions-Assistent (also noch kein voll ausgebildeter Redakteur) und, wenn´s ganz arg kommt, noch ein Volontär. (Also noch kein voll ausgebildeter Redaktions-Assistent) Aber alle dürfen beim großen Salbadern mitmachen. Und alle leisten sich die Arroganz, den Autor nur als Lieferant einer krausen Idee anzusehen, deren stümperhaftes Wortgeklimper erst noch in eine brauchbare Geschichte umgearbeitet werden muss. Und damit kommen wir zum Schlüsselwort des oben erwähnten Berufsbildes: „… überarbeitet gemeinsam mit den AutorInnen …“

Dieser Ausdruck suggeriert einen gleichberechtigten Status. Und der existiert definitiv nicht! Da dem Autor jedwede Begabung abgesprochen wird, fällt es leicht, ihn zum Befehlsempfänger zu reduzieren. Nicht von Anfang an. In die Stube gelockt wird er noch mit großem Hallo, weil ja Ideen gebraucht werden. Ist man erstmal über das Stadium der reinen Idee hinaus, hat der Autor nur noch nach Anweisung des Redakteurs ein- und umzuarbeiten. Und noch diese oder jene Idee beizusteuern, die der Redakteur dann wieder umgearbeitet haben will. Dabei lassen sich Redakteure bei ihren Einwänden vom eigenen Geschmack leiten und erheben diesen gleichsam in den Rang des Alleinseligmachenden. Nichts hört man häufiger als: „Find ich nicht gut.“

Das ist kein Argument und hat deshalb bei der Bearbeitung eines Scripts nichts zu suchen. Findet man ein Detail „nicht gut“, heißt das noch lange nicht, dass es schlecht ist. Der Autor hat es schließlich reingeschrieben, weil die Geschichte es erfordert. Das geht kleinkrämerisch bis ins letzte Wort. Der Redakteur ist nicht der Sachwalter eines allgemeingültigen Geschmacks. Abgesehen davon kann er mit seinem Geschmack ebenso völlig daneben liegen. Man kann sich manchmal des Eindrucks nicht erwehren, Redakteure würden geradezu zwangsweise Änderungen anmahnen. Da geht die Angst um, ihr Job würde als überflüssig angesehen, wenn sie nicht die halbe Geschichte auseinanderbröseln. Dieser Angst fallen auch rundheraus gelungene Passagen oder gleich ganze Bücher zum Opfer. Das Verfahren, dass bei dieser „Zusammenarbeit“ angewendet wird, lässt sich am besten mit „try and error“ beschreiben.

Die erste Fassung einer Geschichte wird genüsslich zerpflückt mit etlichen „Find ich nicht gut“ und „Gefällt mir nicht“, oder, Gipfel konkreter Kritik: „Da knirscht´s noch.“ Für eine wirkliche Lösung des damit angerichteten Durcheinanders fühlt man sich nicht zuständig. Wozu gibt es den Autor? Der tanzt mit der zweiten Fassung an und das Spiel beginnt von vorne. Das hat überhaupt nichts mit „gemeinsam“ zu tun und artet oft genug in ein „gegeneinander“ aus. Jede Partei versucht, möglichst viele eigene Gedanken in die Geschichte einzuarbeiten. Der Redakteur direkt, denn er sitzt am längeren Hebel. Sein Wort ist Gesetz und allzu viel Widerspruch hat nur den Rausschmiss zur Folge. Der Autor macht´s indirekt, indem er seine Phantasie nicht mehr auf die Geschichte selbst konzentriert, sondern auf die Kunst des Formulierens. Auf diese Weise schafft er es gelegentlich, seine Ansichten dem Redakteur unauffällig unterzujubeln. So entsteht der Murks, den die Sender stolz „Eigenproduktion“ nennen.

Wer den Wert des Autors so gering schätzt, braucht sich über das traurige Ergebnis nicht zu beklagen. Unter den Schreibern macht sich die fatale Einstellung breit, es lohne nicht, für seine Ideen zu kämpfen. Um der Seele Ruhe willen tut er, wie ihm geheißen, hakt die Sache ab und geht zur nächsten. Leichtfertig wird hier auf ein großes Potential verzichtet. Obendrein wähnen sich viele Redakteure im Besitz kreativer Kräfte, die ihn antreiben, dem Autor auch noch die Erfindungsgabe abspenstig zu machen. Mittlerweile entspringt die Idee zu einer Geschichte immer häufiger einem Redakteursgehirn. Die Kreativität muss raus, da gibt es nix. Der Autor wird herbeizitiert und mit dem Satz konfrontiert: „Lasst uns mal so was machen wie (…)“ (Einzusetzen ist der jeweils letzte Quotenhit aus den USA)

Eine Idee, mal so was wie (…) zu machen, bedeutet, eben keine Idee zu haben. Schon erstaunlich genug für eine Berufsgruppe, die Kreativität für sich in Anspruch nimmt. Bei ihrem Limbo setzen sie die Latte gern noch eins niedriger. Wenn sie nämlich eine Mischung aus (…) und (…) machen wollen. Aufstehen, Hut nehmen, Tür zu und vergessen. Eine Mischung aus (…) und (…) vorzuschlagen, offenbart die Fähigkeit, weniger als keine Idee zu haben. Das ist lediglich die versteckte Anweisung, irgendwas zu „adaptieren“.

Man mag dem Vielgescholtenen eins zugute halten. Auch er arbeitet auf Anweisung. Er hat noch Gremien über sich, die allesamt der Überzeugung sind, genau zu wissen, mit was man den Fernsehzuschauer quälen darf. Mit Ausnahme des Programm-Direktors. Man ist geneigt zu glauben, er sei der hauptsächlich Verantwortliche, in seinem Elfenbeinturm, 20 Stockwerke über den ihn umgebenden Sumpf. In Wirklichkeit kommen Programm-Direktoren in freier Wildbahn nur in der Toscana vor und sind dortselbst mit dem Auffüllen ihrer Weinkeller beschäftigt. Die tun den Teufel und schlagen sich mit Autoren oder deren Geschichten rum. Wozu haben sie einen Redakteur?

Und der wiederum hält den Autor für eine bessere Tippse, obwohl er im kreativen Prozess des Geschichtenerzählens die Schlüsselposition innehat. Ohne Schreiberlinge läuft der Laden nicht. Das ist die Wahrheit, die keiner anerkennen will. Lasst es doch die Redakteure versuchen, oder die Regisseure oder besser gleich den blasiertesten Haufen im ganzen Verein: die Schauspieler. Manche mögen ihre Qualitäten haben, denn für sie gilt dasselbe wie für den Autor. Wenige gute und ein Haufen Mittelmaß. Aber eins ist amtlich: Geschichten schreiben können sie alle nicht.

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