Irgendwo in Indonesien – 1

Am großen Blumenfluss

Diese Story lümmelt schon seit ein paar Jahren in der Zimmerecke herum. Bevor sie dort endgültig unter anderem Gerümpel verschwindet, erzähl ich sie einfach. Die Geschichte basiert im Übrigen auf einer wahren Begebenheit. Oder, um genau zu sein, auf mehreren, wahren Begebenheiten. Dies ist der erste von insgesamt acht Teilen. Die weiteren werden in regelmäßigen Abständen erscheinen.

short story, Hotel California, Asien, Daniel Dekkard

1. Teil

Ahnungslos schaukelte Adrian durch den Fernen Osten, allein unter Einheimischen, südwärts über die dschungelbewachsenen Bergkämme eines dämmerigen Landes. In einer sonst unbewohnten Gegend abseits jeden Interesses suchte sich der Bus ein einsames Kaff aus, um dort auf halber Strecke einen Motorschaden vorzutäuschen.
Adrian hasste solche unfreiwilligen Unterbrechungen, hasste es, aus der Bewegung gerissen zu werden. Er besaß das Naturell eines TV-Junkies, der sich unablässig durch Hunderte von Kanälen zappt. Die Geschichten und Ereignisse seiner Reise, wie eine Flut von Bildern, drangen nicht tief ins Bewusstsein, formten dort nur die Erkenntnis, dass es Tausende, Millionen von Bildern gab. Und er wollte sie alle sehen. Sein Ziel war die Rastlosigkeit. Ihn trieb die Furcht, etwas zu verpassen. Und jetzt hatte ihm jemand die Fernbedienung aus der Hand genommen, jemand, der dieses Programm zu Ende sehen wollte. Die Mannschaft des Busses, zwei grimmige Maduresen und ein Krauskopf aus Ternate, schauten genauso fehl am Platz aus dem T-Shirt wie Adrian. Kein ernster Schaden, behaupteten sie, schnell zu beheben. Es würde bald weitergehen. Adrian überlegte noch, ob die Zeit reichen würde, einen Snack zu besorgen, da warfen sie das gesamte Gepäck vom Dach des Busses in den Straßenstaub.
Was bedeutete bald?
„To´mollo“, erwiderte einer der Maduresen und schubste Adrian mit sanften Stößen beiseite, als hätte seine Gegenwart einen unheiligen Einfluss auf das zusammengebrochene Gefährt. Tomollo, tomorrow, Morgen; eines der Zauberwörter in Asien. Mit Mühe unterdrückte Adrian den aufsteigenden Ärger, schnappte sich seine Tasche und sah sich um. Schon der Name des Städtchens war ein Witz. Sungai Bunga Besar, großer Blumenfluss. Entliehen von einem lächerlichen Rinnsal, das in einem viel zu breiten Bett schlief. Es trieben auch keine Blumen darin. Fäkalien, Abfall und tote Hunde. Dicht am Brackwasser schiefe Bretterbuden, die Stelzen im schlammigen Grund. Hier hausten die Habenichtse, huschten über die losen Planken, kochten Reis, trockneten Fisch oder pinkelten in die Schatten der allgegenwärtigen Palmen.
Von beiden Ufern des mickrigen Flusses hatte sich der Ort bis an die Bergflanken gewagt. Hier wurde er von steilen Hängen und dem drohenden Dschungel in Schach gehalten. Ohne erkennbaren Grund, warum überhaupt jemand auf die Idee gekommen war, sich hier anzusiedeln, klebte der Flecken in dem abgeschiedenen Tal. Ein Provisorium, in Hast aufgebaut, ohne zu wissen, womit man hier eigentlich sein Geld verdienen sollte. Jeder lebte allein davon, dass die anderen da waren. Darüber hinaus ließ sich kein Sinn für die ziellose Geschäftigkeit erkennen. Ausländer kamen nur selten hierher und wurden von kichernden Frauen im Vorübergehen in Arm oder Hüfte gekniffen. Kein tolpatschiger Annäherungsversuch, wie Adrian zunächst glaubte. Hinter dem Lächeln verbarg sich Angst. Die Frauen wollten sichergehen, dass sie keine Gespenster vor sich hatten.
Adrian ödeten solche Orte an. Sungai Sowieso war ein erfundenes Kaff, nichts Gewachsenes, ohne eigene Geschichte, zusammengenagelt aus Habgier, Neid und Wehmut an die alte Heimat, ohne Form und ohne Farbe.
Der Busfahrer hatte Adrian das Hotel Damai empfohlen und trotz dieser hochtrabenden Bezeichnung erwartete er nicht mehr als ein bescheidenes Gasthaus. Ein dunkles, muffiges Zimmer mit Bett und Moskitonetz und ein gemeinschaftlich genutztes mandi, in dem man das Wasser zum Waschen aus einer Tonne schöpfte. Mehr brauchte man auch nicht in diesem nutzlosen Nest, in das Besucher so selten rieselten wie Schnee.

Teil 2
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