Irgendwo in Indonesien – 2

Am großen Blumenfluss

2. Teil

Stattdessen stand Adrian unversehens vor einem dreistöckigen Gebäude, kaum älter als vierzig Jahre, geschmückt mit einer imposanten Fassade, die den Kolonialstil der Europäer nachahmte. Ein umzäunter Vorplatz mit der Ausdehnung eines halben Fussballfeldes trennte es von der Straße. Auf der staubig rötlichen Ödnis verloren sich einzelne Büsche wie zufällig vom Himmel gefallen. Trocken stöhnten sie in der Sonne und wussten selbst nicht, wie sie hierher geraten waren. Auf der Terrasse vor dem Eingang dösten zwei wackelige Tische und knallblau gepolsterte Stühle, die man eher in einer italienischen Eisdiele vermuten würde. Eine mächtige Tür aus chinesischem Rotholz, mit filigranen Schnitzereien übersät, führte ins Innere. Adrian erwartete dort ein auf Jahrhundertwende gemachtes Interieur, wurde aber gleichzeitig enttäuscht und aufs Neue in Erstaunen versetzt. Die Eingangshalle nahm die gesamte Grundfläche des Hauses ein und reichte die drei Stock hoch bis unter das Dach. Zwei schmucklose Freitreppen aus glattem, elfenbeinfarben lackierten Holz kletterten bis auf eine umlaufende Galerie in den ersten Stock. Die Zimmertüren reihten sich auf wie in einem Krankenhausflur. Von der ersten Etage gelangte man über schmale Stiegen auf den zweiten und dritten Stock. Alles getüncht in dem gleichen, langweiligen Elfenbein wie die Treppen. Und das Weiß der Wände hatte sich mit der Zeit angeglichen. Keine Pflanze, kein Mobiliar, kein Bild an den Wänden. Durch diese unfarbige Eintönigkeit geriet die Perspektive ins Schleudern. Ein perfekt quadratisches, überdachtes Atrium, zu nichts weiter nutze als auf die Zimmer zu gelangen oder den Blick nach oben in die Irre zu leiten. Adrian schätzte die Zimmerzahl auf etwa achtzig. Dafür hatte man zugunsten der hohlscheppernden Leere des Erdgeschosses auf Rezeption, Bar und Frühstücksraum verzichtet. Ein aus Holz und Stein geschaffenes Rätsel. Nirgends ein Zeichen, dass eines der Zimmer belegt war. Missmutig überlegte Adrian, ob dieses merkwürdige Domizil für eine einzige Nacht das Passende war. Noch bohrte der Ärger über die unvorgesehene Unterbrechung seiner Fahrt.
Unschlüssig stand er im Raum, in dem sich eine geisterhafte Stille ausbreitete. Seine Augen suchten einen Punkt, auf dem sie sich ausruhen konnten und fanden ihn erst jenseits der vier Wände. Und von dort schlich etwas heran und drang in ihn ein. Das Damai umgab ihn wie ein greifbarer Stillstand, ein Grab, ein monochromes Jenseits. Er spürte körperlich, aus seiner Bewegung gerissen worden zu sein. Und dann hörte er es. Diese billig lackierte, zen-artige Schlichtheit fing an zu singen. Eine Melodie, knapp dieseits der Wahrnehmung, wie ein im Sand vergrabenes Radio, ein in ihm  verschüttetes Gefühl als Resonanzkörper benutzend. Nur welches Gefühl?
Damai.
Adrian erinnerte sich, die Bedeutung dieses Wortes schon mal gehört zu haben. Er hatte es aber wieder vergessen. Über diesem Bild klebte längst ein anderes. Der sachte Gesang fing ihn ein, als wäre es das Haus selbst, das ihn mit schläfrigem Summen zum Bleiben überredete. Hypnotisierend, sodass er die alte Frau erst bemerkte, als sie ihn ansprach. Sie musste ihre Frage zweimal wiederholen, um das Geschrei ihres grellbunten Sarongs zu übertönen.
„Ein Zimmer, mein Herr?“
Zum ersten Mal in seinem Leben fiel ihm auf, wie laut Farben sein konnten.
„Äh, ja. Eine Nacht.“
Sie lächelte und führte Adrian durch eine verborgene Tür neben der linken Freitreppe. Dahinter verbarg sich die Wohnung der Frau, geräumig und angefüllt mit dem fröhlich plappernden Durcheinander Südostasiens.

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