Irgendwo in Indonesien – 3

Am großen Blumenfluss

3. Teil

Er trug sich in das Gästebuch ein. Der letzte Besucher war hier vor sechs Wochen abgestiegen. Mister Suleiman Sukario. Als Beruf hatte er -Telekommunikation- angegeben und für drei Tage das Zimmer Nummer 8 bewohnt. Zwischen den Einträgen der Gäste klafften Lücken von zwei bis sechs Wochen. Das Damai vergeudete seine Größe an einsame Wanderer. Als es gebaut wurde, musste hier mehr los gewesen sein. Holz, Gewürze, Gold vielleicht. Heute kam man nur noch für die Telekommunikation. Den einzigen Ausländer fand Adrian, als er drei Monate im Gästebuch zurückblätterte. Colby, Australier. Unter Beruf stand dort „Teilzeit-Mensch“. Part-time human being. Ein Witzbold. Auch ihn hatte es bald wieder davongeweht. Hier lohnte nichts einen Aufenthalt. Der Australier hatte dasselbe Zimmer wie Mister Sukario bewohnt und auch Adrian bekam Nummer 8 im ersten Stock. Er verschwendete keinen Gedanken darauf, warum die alte Frau nur dieses Zimmer vergab. Dem Verhalten der Menschen haftete oft Irrationales an. Er erinnerte sich, wie er vor Monaten ein Restaurant besucht hatte. Dort empfing ihn ein Platzanweiser, der ihn bat,  zu warten, da er erst schauen müsse, ob noch etwas frei sei. Minuten später kehrte der Mann glücklich lächelnd zurück und führte Adrian in den Speisesaal. 160 Plätze und kein einziger davon besetzt, nirgends ein Schildchen, das auf Reservierungen hinwies. Der Mann hatte in einem leeren Restaurant nach einem freien Tisch gesucht. Der Grund erschloss sich Adrian nicht. Vielleicht tat der Platzanweiser lieber etwas Unsinniges als gar nichts. Das mochte auch auf die Alte im Hotel Damai zutreffen, womöglich auf den ganzen Ort.
Zimmer Nummer 8 wies keine Besonderheiten auf. Es dürfte, vermutete Adrian, exakt so aussehen wie all die anderen. Ein kahler Raum mit weißen Wänden, rotschwarze Sprengsel darauf, Überreste zermatschter Moskitos. Ein Metallbett, saubere Laken, ein schlichtes Schränkchen, auf dem eine halb verbrannte Moskitospirale lag, giftgrün auf Elfenbeinlack. Eine passable Dusche, in der Herr Sukario sein Haarwaschmittel vergessen hatte. Einheimische Marke, dua dalam satu, zwei in eins, Shampoo und Pflegespülung. So was gab es hier also auch. Das klapprige Fenster ging auf einen Garten hinaus. Wüstes, tropisches Geranke, tagsüber totenstill, nach Einbruch der Nacht gefüllt mit dem Sirenengeheul von Insekten, der Lautstärke nach groß wie Ratten. Die Kakophonie kam auf Knopfdruck, als würden die Biester eingeschaltet. Nach genau einer Stunde hörten sie ebenso plötzlich damit auf und überließen dem Brummen der Neonleuchte die nächtliche Kulisse. Keine Stimmen, keine Schritte, kein Türenklappen, kein Wasser in den Rohren. Allein in dieser Gruft. Selbst die alte Frau bekam Adrian bis zu seiner Abreise nicht wieder zu Gesicht. Die unwirkliche Stille senkte sich lastend auf die Seele. Er warf das Gepäck aufs Bett und ging in den Ort zum Essen.
Eine trostlose Sache. Schäbige Restaurants zwischen Läden für täglichen Bedarf und Werkstätten. Adrian wurde eher argwöhnisch als neugierig betrachtet, aber man kniff ihn nicht mehr. Zähe Ziegenfleischspieße mit trockenem Reis, das Aufregendste auf den Speisekarten, zwei Bier dazu. Auf dem Rückweg besorgte er sich eine Flasche Rum. Eine irreführende Bezeichnung für das hochprozentige Karamelzeugs, das unter diesem Namen verkauft wurde. Das laue Dunkel und der Alkohol stimmten ihn gnädiger.

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