Irgendwo in Indonesien – 4

Am großen Blumenfluss

4. Teil

Irgendwo in Asien, Daniel Dekkard, Saigon Sound

Auch auf der Terrasse des Damai blieb es ungewöhnlich ruhig. Obwohl das Hotel mitten im Ort lag, schafften es die Geräusche der Umgebung nicht über den Zaun, als befände sich alles jenseits in einer anderen Dimension. Nur einmal vermeinte er, von einem sanften Windzug hergetragen, ein Lied zu vernehmen, eine dünne Stimme. Sie sang die Zeilen eines bescheuerten, 29 Jahre alten Rocksongs.
Plenty of room at the Hotel California, any time of year, you can find it here.
Er lachte, stapfte auf sein Zimmer, zerklatschte drei Moskitos und schlief bis weit in den brüllheiß aufkommenden Vormittag.

Kein vernünftiges Frühstück aufzutreiben. Quietschsüßer Kaffee, serviert von einer gleichgültigen, fetten Indonesierin, dazu zwei trockene Kekse.  Er saß an der Straße und direkt vor seinem Kaffee fuhren Autos, Kleinbusse, Pick-ups und Motorräder hin und her, von nirgendwo nach nirgendwo. Ein widerlicher Morgen, laut, stickig, nach verbranntem Zweitaktergemisch stinkend. Adrian ertrug ihn nur wegen der Aussicht, das Drecknest bald hinter sich lassen zu können. Die zwölf Stunden in einem lauten, stickigen, ungefederten Bus würden ihm nichts ausmachen. Weg von hier! Die drei Worte verwandelten den bevorstehenden Horror in eine Luxusfahrt im Orient Express.
Der Bus döste noch an seinem Platz, die Mannschaft verschwunden. Adrian kaufte bei einem müden Männchen in einem blauen Anzug ein Ticket. Das von gestern galt nicht mehr. Halsabschneider.
„Wieviel Uhr geht der?“ fragte Adrian.
„To´mollo“, sagte das Männchen.
„Hey, warte“, protestierte Adrian, „gestern hieß es tomollo. Tomollo ist heute.“
„No, no, no. To´mollo is to´mollo“, grinste das Männchen.
Jam kerat, Gummizeit, asiatische Logik. Das Männchen behielt recht. Morgen ist morgen. Aber es konnte sich ins Unendliche dehnen.
„Scheiße!“
Das konnte er nicht brauchen. Noch ein Tag in diesem Kaff. Er überlegte kurz, zurückzufahren. Der nächste Knotenpunkt lag 150 Kilometer hinter ihm, eine Tagesreise. Aber er hätte nichts gewonnen und die Bilder kannte er schon.
„Gibt es keinen anderen Bus?“
„Fahrer krank. To´mollo“, insistierte der Ticketverkäufer.
Adrian musste sich beherrschen, um nicht noch einmal laut loszubrüllen. Er warf das Ticket auf den Tisch. War morgen wahrscheinlich wieder ungültig. Er würde nicht dreimal für die Passage zahlen. Adrian zupfte den Geldschein wieder aus der Hand des Verkäufers.
„No, no. Du bezahlen“, zeterte das Männchen.
„Tomollo!“
Der Ticketverkäufer warf ihm Beleidigungen hinterher. Standen sie wohl nicht drauf, wenn man ihnen mit ihrer eigenen Logik kam. Voll Wut auf die Stadt, die ihn nicht gehen lassen wollte, stapfte Adrian durch den Lärm und Dreck der Straßen, durch das Spalier glotzender Einwohner, die mit Ablehnung auf sein zorniges Gesicht reagierten. Niemand hier mochte mufflige Ausländer. Nur solche, die zahlten und grinsten.
Alles zog ihn runter. Die Häuser aus fleckigem Beton, die ranzigen Hunde, die brennende Sonne, die üble Gerüche hervorholte aus grauen Pfützen in den Gassen, aus dem Fluss, aus Kochtöpfen, in denen Frauen mit ausdruckslosen Gesichtern herumrührten. Die Schwüle drückte, machte ihn müde, willenlos. Er hing auf der Terrasse vor dem Damai, mit einer neuen Flasche Rum, als sich der Himmel in aller Eile zuzog. Die fetten Wolken drängelten sich zum Greifen nah über der Stadt. Der Regen, dicke Tropfen, ohrfeigte laut klatschend den Boden. Sand und Wasser spritzte auf, als schlügen Gewehrkugeln ein, Trommelfeuer auf dem Dach, unheilverkündendes Grummeln in der Ferne. Die Temperatur fiel gefühlt auf das Innere eines Kühlschranks, das Geprassel hämmerte jede Empfindung aus seinem Körper. In der Nacht, der Regen hatte nachgelassen, wieder die Melodie, entrückt, als hätte sie keinen Ursprung, als wäre sie Bestandteil des ihn umgebenden Raumes.

… we´re all just prisoners here, of our own device.

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