Irgendwo in Indonesien – 5

Am großen Blumenfluss

5. Teil

Das tomollo dehnte sich weiter. Eine Geröll-Lawine hatte eine Bresche in die Verbindung nach Süden geschlagen, dicht vor der Stadt. Nichts ging mehr, für einen Tag, vielleicht zwei. Eines klaren Gedankens unfähig, verbrachte er den halben Tag wie im Fieber auf Zimmer Nummer 8. Das Damai schloss ihn ein. Das Leblose der Stadt gewann an Leben, die Lebenden darin wurden zu Geistern. Es kam niemand vorbei, keiner sprach ihn an. Irgendwann, die Zeit hatte sich verdrückt, die immer gleichen Bilder wurden durch die immer gleichen Bilder ersetzt, schlurfte er lustlos über eine Brücke und blickte auf den dunklen, großen Blumenfluss. Die Sonne sackte hinter die Berge und lugte noch einmal zwischen zwei Gipfeln hindurch. Mit ihrem sterbenden Licht erzeugte sie ein blutrotes Glühen inmitten eines Palmenhains, flussabwärts am Ufer. Das Dach eines Hauses. Er war sicher, schon häufiger über diese Brücke gegangen zu sein. Dieses Glimmen inmitten langer Schatten bemerkte er zum ersten Mal. Vielleicht konnte man das Haus nur in der einen Minute sehen, in der sich das letzte Sonnenlicht in den Ziegeln spiegelte. Ein Zauber, verheißungsvoll inszeniert. Ein Trampelpfad führte am Fluss entlang und es dunkelte schon, als er ankam, geleitet von einer roten, chinesischen Kitschlaterne über dem Eingang des Hauses. Eine Bar, wie ein Schild verriet. Jalan cinta. Eine Veranda zum Fluss hin, dahinter ein einfacher Raum, grob gehauene Theke, Bambusmöbel, eine handtuchbreite Bühne, auf der Instrumente herumstanden. Schlagzeug, zwei Gitarren, ein Keyboard. Ein paar Männer lümmelten herum, machten sich nicht die Mühe, aufzublicken. Adrian setzte sich auf die Veranda. Mann, das einzige, was einen Besuch lohnte, versteckte sich im hintersten Winkel.
„Hi. Ich bin Colby. Und was zum Arsch machst du hier?“
Adrian schreckte auf.
„Was?“
Vor ihm stand ein etwa dreißigjähriger Typ, abgemagert und gleichzeitig agil, wie ein Marathonläufer. Er setzte das Wir-Ausländer-müssen-zusammenhalten-Grinsen auf.
„Brauchst´n Drink, was?“
„Bier“, antwortete Adrian knapp. Er konnte es noch nicht fassen. Colby kam mit zwei Bier zurück und setzte sich an den Tisch.
„Hammer“, sagte er, „Hammer. Der erste Weißarsch seit drei Monaten.“
Er freute sich wie ein Kind an Weihnachten.
„Du bist schon seit drei Monaten hier?“ fragte Adrian entgeistert. Colby nickte. Wirklich nicht zu fassen.
„Wieso?“
„Ich mag´s einfach, mich hin und wieder zu verstecken.“
„Na, das ist der richtige Platz dafür“, sagte Adrian. Ihm fiel etwas ein.
„Bist du der Colby, der im Gästebuch vom Damai steht?“
Colbys Blick driftete davon.
„Ah, das Damai. Übernachtest du da?“
„Übernachten würd ich das nicht nennen. Ich hab das Gefühl, dass der Laden mich einverleibt hat. Wie´n Möbelstück.“
„Mh-mh“, machte Colby versonnen, als erinnere sich an etwas weit Entferntes.
„Was mich interessieren würde. Was heißt Damai eigentlich?“, fragte Adrian.
Colby ruckte wieder in die Gegenwart.
„Äh, keine Ahnung.“
Dann tauchte er noch einmal ab. Den Blick in die Ferne gerichtet, redete er mehr mit sich selbst.
„Ich war ´ne Weile in dem Schuppen. Hast schon recht, irgendwie hält einen der …“
Er brach ab, wischte den Rest des Satzes beiseite und wies mit einem Kopfnicken auf die obere Etage der Bar.
„Na, seitdem bin ich hier. Ist nicht übel.“
Colby war seit über zwei Jahren unterwegs. Indien, Thailand, Philippinen, Macao, Fidschi und wieder Thailand. Dort hatte er länger mit einer Thaifrau zusammengelebt. Sie bekamen eine Tochter. Irgendwann ließ sie ihn sitzen, verschwand mit dem Kind. Und dem Großteil seiner Kohle, wie Colby bittersüß anfügte.
„So ist das Leben“, sagte er.

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