Irgendwo in Indonesien – 6

Am großen Blumenfluss

6. Teil

Schwer herauszuhören, ob er wirklich meinte, dass das Leben so sei. Seit Monaten zog er durch Indonesien. Bis hierher, an den großen Blumenfluss. Er redete laut und fröhlich, als gelte es, einen bösen Geist zu verscheuchen, sprach davon, dass man die Dinge nehmen müsse, wie sie kämen. Dieser Ort sei so gut wie jeder andere. Entscheidend sei, was man draus mache.
„Und was machst du aus Sungai Bungai?“, fragte Adrian.
„Ich bin Manager. Hier.“
Er breitete lachend die Arme aus. Die rumpelige Bude erweckte nicht den Eindruck, als ob sie einen Manager brauchte. Trotzdem beeindruckte der Australier Adrian. Colby ging mit einer Leichtigkeit auf das Leben zu, die es ihm ermöglichte, noch aus dem letzten Mist ein Paradies zu basteln. Oder sah er den Mist gar nicht? War das womöglich gar kein Mist für ihn? Adrian fragte sich, ob er selbst aus Angst, etwas zu verpassen, gerade darum alles verpasste. Bilder sirrten heran, Parties auf Palmeninseln, ein Buddhatempel, die Hongkong-Bar in Penang, Boote auf dem Mekong, Drogen in Singapur. Was blieb ihm davon? Nicht viel mehr als die Bilder. Die und das schwammige Gefühl, dass das alles irgendwie cool war. Wie wäre Colby damit umgegangen? Er ließ sich auf alles ein, auf eine selbstverständliche Art, bei der er nur gewinnen konnte. Eines der Bilder entwickelte sich in Adrian. Goldenes Dreieck, ein, zwei, drei Monate her. Ein Burmese hatte ihn eingeladen, in einer Berghütte zu übernachten. Ja, cool, dachte er. Aber der Drecksack war Opiumschmuggler. Als Adrian merkte, dass er als Ablenkungsmanöver benutzt werden sollte, brannte die Luft schon. Die Nummer hätte ihn beinahe in den Knast gebracht. Das kam dabei heraus, wenn er sich auf etwas einließ.

Die Busse fuhren wieder, aber Adrian blieb. Er mochte den Australier und er wollte mehr wissen. Es gefiel ihm, die Nächte in der Bar zu verbringen, aber er konnte Colby nie überreden, ins Damai zu kommen. Etwas hielt den Australier von dort fern. Adrian überließ sich, immer noch allein, kein weiterer Gast war gekommen, dem Sog des Hotels. Er wusch seine Klamotten, erschreckte gelb-schwarze Vögel, die im Gebüsch herumquiekten und beobachtete an kaugummizähen Nachmittagen langmütig eine Werkstatt gegenüber auf der anderen Straßenseite. Pick-ups brachten leere Ölfässer, andere Pick-ups kamen und holten die leeren Ölfässer ab. Mehr geschah dort nicht. Er empfand es als so schreiblöd zwecklos, dafür eine Werkstatt zu betreiben. Im Gegensatz zu vorher versuchte er aber jetzt, wie Colby, sich dem Reiz dieser Zwecklosigkeit zu hinzugeben. Und am Abend wartete die Bar.
Die Bar Jalan Cinta gehörte einem Chinesen, Mister Chow Fatt. Der legale Teil seiner Geschäfte, wie Colby sagte. Spärlich besucht, nur Männer, voller am Wochenende oder wenn jemand, der etwas mehr verdiente, einen Grund zum Feiern fand. Ab und an Geschäftsreisende, die hier vergeblich Frauen suchten. Für ini, ini, wie man hier einen gelegentlichen Fick umschrieb. Der Name der Bar leitete in die Irre. Jalan cinta, Straße der Liebe. Kaltes Kalkül vom cleveren Mister Chow Fatt. Bis die Deppen mitkriegten, dass es hier nichts Heißes zu holen gab, hatten sie schon zwei, drei Drinks bezahlt. Möglich, dass  er in einer finsteren Ecke des großen Blumenflusses noch ein anderes Loch betrieb, wo er die Liebesuchenden hinlotste und für diese Dienste nochmal kräftig hinlangte. Der illegale Teil seiner Geschäfte.

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