Irgendwo in Indonesien – 7

Am großen Blumenfluss

7. Teil

An einem Abend tauchten vier Einheimische am legalen Ende der Liebesstraße auf. Sie schnappten sich die Musikinstrumente und schrubbten mit viel Hingabe und wenig Talent Dangdut-Stücke herunter. Indonesischer Pop, in dem es hauptsächlich um cinta ging. Das löste keine übermäßige Stimmung aus, die Leute unterhielten sich weiter. Adrian erzählte dem Australier von der Werkstatt mit den Ölfässern.
„Es erschien mir so überflüssig. Ich hab dem Treiben so lange zugeschaut, bis ich glaubte, mir das Ganze nur einzubilden.“
„Warum bist du nicht rüber?“, fragte Colby. „Du hättest sie fragen können. Apa itu? Was macht ihr da? So einfach ist das.“
Adrian fühlte sich hinters Licht geführt. Colby hatte in ihm den Drang freigesetzt, dem Profanen etwas Mystisches abzugewinnen und jetzt kam er ihm mit diesem Pragmatismus. Er wollte etwas erwidern, doch der Australier stand auf. Ein Mädchen hatte die Bar betreten, jung, die ganze Sonne Asiens und alle Rätsel dieses Kontinents in den schmalen Augen. Lojang. Sie arbeitete für Mister Fatt, brachte gelegentlich Dinge her, die in der Bar gebraucht wurden. Colby ging rüber, begrüßte sie und überschritt dabei die Grenze, die zwei Menschen ohne engere Beziehung trennt. Er drängte sie, an den Tisch zu kommen. Das Mädchen sah Adrian kurz an, schüttelte den Kopf und verschwand in einem Raum hinter der Theke. Colby kam zurück.
„Das war, glaub ich, die schnellste Abfuhr meines Lebens“, sagte Adrian lächelnd.
„Sie ist ziemlich schüchtern“, antwortete Colby. „aber wenn man weiß, wo man sie anfassen muss …“
Er ließ diesen Halbsatz schwimmen in einem öligen Bad von Anspielung und Prahlerei. Das Dangdut-Geschrammel endete und eines der Bandmitglieder winkte Colby zu.
„Kleinen Augenblick“, entschuldigte er sich, „ich muss mal eben.“
Er stellte sich vor das Mikrofon, tack, tack, tack, drei Schläge mit den Drumsticks und dann kam es.
On a dark desert highway, cool wind in my hair …
Doch keine Einbildung. Von hier kam die Schnulze also. Hotel California.
Warm smell of colitas, rising up through the air …
Colby hatte schon für ihn gesungen, als Adrian noch gar nicht wusste, dass es Colby gab. Der Australier übertrieb seine Show, aber mit passabler Stimme.
Up ahead in the distance, I saw a shimmering light …
Colby sah zur Theke rüber. Lojang lehnte dort an der Wand und beobachtete ihn. Er lächelte und sank mit geschlossenen Augen in den Refrain.
Welcome to the Hotel California, such a lovely place, such a lovely face …
Keiner quatschte dazwischen. Alle lauschten andächtig, wiegten die Köpfe, summten mit oder versuchten, die fremden Worte mit den Lippen nachzuformen. Sie nahmen es auf wie eine Messe und am Schluss gab es den einzigen Applaus des Abends.
„Die Nummer zieht hier unheimlich“, sagte Colby anschließend. „Sie wollen sie jeden Abend hören. Und jedesmal muss ich da rauf, weil ich der einzige bin, der den Text kennt. Wenn die Band nicht da ist, drücken sie mir manchmal ´ne Klampfe in die Hand.“
Er sagte das mit einem belustigt vorwurfsvollem Ton, als verlange ihm das etwas ab. Aber es gefiel ihm da auf der Bühne, in dem Streifen Rampenlicht, allein schon, um Lojang zu beeindrucken.
„Weißt du, der Song, das ist der Grund, warum ich hier bin“, sagte Colby.
„Ich war ein paar Tage drüben im Damai, hab da nix weiter getan als lesen und so. Wollte eigentlich weiter, aber lief nicht. Kranke Fahrer, versperrte Straßen, Regen, Erdrutsche und so. Und diese Hütte hier, schon komisch, die entdeckt man nicht so leicht.“
Adrian lauschte fasziniert. Auf Colbys Kanal lief das gleiche Programm.
„Jedenfalls, als ich hier das erste Mal raufkam, hab ich Mister Chow Fatt getroffen. Er hat mir den Job hier angeboten. Ein Zimmer oben drüber für lau, 6 Prozent vom Umsatz, nicht die Welt. Haste ja schon gesehen, viel zu tun gibt´s hier nicht. Na, und dann hat er mich gefragt: Kennst du den Text von Hotel California? Und ich hab einfach nur ja gesagt und bin geblieben. Irre, oder?“

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