Irgendwo in Indonesien – 8

Am großen Blumenfluss

8. und letzter Teil

Adrian lag auf dem Bett in Zimmer Nummer 8. Die Neonröhre sang, ein Gecko klebte an der Wand. Lief da wirklich das gleiche Programm? Unwahrscheinlich. Colby packte das Leben. Und das Leben packte ihn. Adrian bezweifelte, dass ihm selbst das je gelingen würde. Er besaß nicht die Gelassenheit, den Mut, zu diesen Dingen einfach -Ja- zu sagen.
Das Licht flackerte, drohte, zu verlöschen. Das Damai bat zur Nacht. Es hielt nichts von solchen Grübeleien.
Am nächsten Tag kaufte Adrian sich ein Ticket für den Nachtbus Richtung Süden. Abfahrt 20 Uhr. Nix tomollo. Morgen früh würde er in Kota Agung sein, von dort die Fähre nach Java und dann mal sehen. Die Stadt, der Dreck, die nichtssagenden Läden, die gleichgültigen Bewohner, alles so öde wie am Tag seiner Ankunft. Dieses undurchschaubare, scheinbar zwecklose Gewusel setzte sich auf seine Seele. Flüchtiger Tau, der nur das Undurchschaubare, scheinbar Zwecklose seiner eigenen Existenz widerspiegelte. Er fühlte das Ticket in seiner Hand und beruhigte sich. Er war wieder im Besitz der Fernbedienung.
Das Jalan cinta gähnte leer. Lojang stand hinter dem Tresen. Als sie ihn hereinkommen sah, schlug sie die Augen nieder. Adrian setzte sich auf die Veranda. Die Sonne sank, noch etwas Zeit, bis der Bus fuhr. Ein letzter Drink, den Blick versenkt in den Dschungel jenseits des rosa glitzernden Flusses. Sattes Grün, mächtiger als in der Mittagssonne. Von dort segelte das Zirpen, Knarzen, Wimmern und Pfeifen der Waldbewohner herunter. Keine nervenzerfetzende Arie wie die Aufzieh-Insekten im Hotelgarten, beinahe harmonisch. Diese wuchtige Wand voller Geräusche ließ ihn erstarren und pflanzte ihm das Gefühl ein, nichts zu sein. Kein bedeutungsloses Nichts. Dass er hier saß, still und bewegungslos, bedeutete etwas, und sei es noch so klein, und sei es nur für ihn. Das Undurchschaubare verlor seinen Schrecken.
Hinter Lojang tauchte ein Mann auf, drahtig, adrett gekleidet, ein Chinese. Er kam auf die Veranda, riss Adrian zurück, bevor der Dschungel ihn verschlang.
„Guten Abend, Mister“, sagte er freundlich, „Sie Bier trinken, nicht wahr?“
Er stellte eine Flasche auf den Tisch. Mister Chow Fatt wusste alles, was in seiner Bar vor sich ging. Adrian bedankte sich, Mister Fatt lächelte. Das Lächeln der Chinesen war anders als das der übrigen Asiaten. Es klebte immer eine Spur Berechnung daran.
„Ihnen gefällt meine Bar?“, fragte Mister Fatt. Er wartete die Antwort nicht ab. „Allen gefällt meine Bar. Gute Bar.“
„Colby scheint sie jedenfalls sehr gut zu gefallen.“
„Ah!“
Der Chinese schnalzte verächtlich mit der Zunge. Adrian interpretierte es falsch, als Aufforderung, fortzufahren.
„Er hat mir erzählt, wie er herkam. Und warum er geblieben ist. Wegen Hotel California und so.“
Wieder ein verächtliches Schnalzen.
„Mister Colby viel Unsinn erzählt. Er hierbleiben wegen …“
Mister Fatt wies mit einer Kopfbewegung Richtung Tresen. Dann beugte er sich vor.
Ini, ini. Sie verstehen?“
Er unterstützte die Aussage mit einer anzüglichen Geste.
„Aber Lojang nicht will ini, ini.“
„Kann ja nicht immer klappen.“
„Was nicht?“
„Na, Colby hatte ´ne Frau in Thailand“, sagte Adrian, „da hat´s geklappt.“
Mister Fatt lehnte sich zurück und setzte die Miene eines Vaters auf, der es heilsam fand, seinem Sohn eine Illusion zu rauben.
„Sie nicht glauben, was Colby sagt. Er nie in Thailand. Immer Australien, zwei Monate, drei Monate hier, oder Bali. Dann wieder Australien. Colby kein Geld. Colby, Loser. Niemand mag Loser.“
Mister Fatt empfand erstaunlich wenig für seinen Manager. Der Chinese machte Geschäfte. Es war nicht notwendig, die Leute zu mögen, mit denen er Geschäfte machte. Adrian wunderte sich, dass Mister Fatt einen völlig anderen Colby kannte als er selbst. Einer von den beiden spielte ihm was vor. Und obwohl er den Barbesitzer erst seit fünf Minunte kannte, neigte sich sein Misstrauen dem Gefährten im Geiste zu, dem Wir-Ausländer-müssen-zusammenhalten-Typ. War Colby jemand, der unvoreingenommen an alles heranging, der das Unbedeutende mit Bedeutung versah, der das Leben und alles darin vereinnahmte? Oder nur ein Spinner, knapp bei Kasse und voller Drang, Asiatinnen flachzulegen? Adrian sah auf die grüne Wand hinaus. Von dort kam keine Antwort.
„Ist Colby heute nicht da?“
„Er fort. Zurück nach Australien. Heute morgen“, sagte Mister Fatt kalt, ohne Gefühlsregung, als spräche er von einem unachtsamen Köter, der auf der Fahrbahn schlafend von einem Lastwagen zu Brei zermangelt worden war.
Adrian nickte. Wieder nur ein Gesicht, ein Bild, das aufgetaucht und unvermittelt wieder verblasst war. Man traf sich, man trennte sich, nichts blieb. Manchmal eine Adresse auf einem Fetzen Papier, den man später achtlos wegwarf. Ein leiser Singsang drang an Adrians Ohr. Er wandte sich um. Hinter der Theke summte Lojang gedankenverloren vor sich hin. Die Melodie, die auf die Terrasse des Hotels geweht war, in seinen Halbschlaf auf dem Zimmer. Hatte sie und nicht Colby für ihn gesungen?
You can check out anytime you like, but you can never leave.
„Woran denken Sie, Mister?“
Adrian schüttelte den Kopf, lächelte.
„Wissen Sie, was Damai bedeutet?“
„Ah“, raunte Mister Fatt wieder, dieses Mal ohne Verachtung. „Damai. Frieden. Bedeutet Frieden.“
Ja, natürlich. Frieden. Adrian erinnerte sich. Im tiefsten Innern fand er das Wort wieder, unter einem Haufen Müll, dort, wo es die ganze Zeit geschlummert hatte. Frieden. Sie saßen eine Weile schweigend, Minuten, in denen der Dschungel wieder näher rückte, die Nacht fiel. Adrian fühlte in seiner Tasche das Busticket, ein Fetzen Papier, mit einer Adresse darauf. Mister Fatt lächelte. Vielleicht enthielt es eine Spur Berechnung. Vielleicht aber auch die Milde eines Vaters, der seinen Sohn trotz einer Verfehlung wieder in die Arme nahm. Der Klang seiner Worte trug beides.
„Sie kennen Text von Hotel California?“
„Ja“, sagte Adrian.

ENDE
Teil 7
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2 Kommentare zu “Irgendwo in Indonesien – 8

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