Teil 3

Erfolgreich Bücher schreiben und verkaufen

Technik und Tücken

Lektion 7

So, und nun: hinsetzen und loslegen. Geht nicht? Aaah!

Das kann seine Ursache in dem haben, was in der nächsten Lektion behandelt wird. Eines ist es ganz sicher nicht: eine Schreibblockade! Das ist eine Legende. Und zwar in des Wortes Bedeutung: Ammenmärchen, Einbildung, Erfindung, Lügengeschichte. Bei Kunstmalern schon mal was von Farbenmisch-Blockade gehört oder von einer Meißelblockade bei Bildhauern? Wieso leisten sich Schriftsteller dann eine Schreibblockade? Was soll das sein? Oh, mein Gott, mir fällt nix ein? Dann ist man kein Autor. Punkt! Jemand, der schreiben muss, kann nicht auf einmal nicht schreiben können. Dafür gibt es nur zwei Entschuldigungen: Katatonie und Tod.

Moment mal, tönt´s von draussen. Es gibt doch schon so etwas wie eine Schaffenskrise. Hatte der mehrfach zitierte Ernest Hemingway nicht eine? Und hat er sich nicht deswegen die Flinte in den Mund gesteckt? Hat er! Aber wer soweit ist, hat ein ernstes Problem. Eines, das nicht nur das Schreiben betrifft, sondern die ganze Persönlichkeit. Die Schaffenskrise ist dabei bloß EIN Symptom. Und zwar für eine satte Psychose. In dem Fall würde ich mal ganz fix professionelle Hilfe herbeirufen.

Die an einer angeblichen Schreibblockade Leidenden trifft man vorzugsweise in Bars und Cafés, wo sie den melancholischen Poeten spielen und sich mit Bellinis zuschütten. Dahinter steckt entweder Phantasielosigkeit, Faulheit oder das billige Heischen nach Aufmerksamkeit. Die arme, mitleiderregende Künstlerseele. Ich habe Sie gewarnt. Es ist ein einsamer, dunkler Pfad in eine Welt voll Schmerz und Qual. Sie haben sich das ausgesucht. Gehen Sie in Bars und Cafés und schütten sich mit Bellinis oder Härterem zu. NACH dem täglichen Schreibpensum. Nicht STATT. Und immer Stift und Notizblock mitnehmen! Muss man schreiben, kommen einem selbst beim Saufen die Ideen. Natürlich nur bis zu einem gewissen Punkt. Was man nach mehreren deftig gemixten Long Island Icetea niederschreibt, ist anderntags mit Vorsicht zu genießen. Wenn es denn überhaupt noch zu entziffern ist.

Lektion 8

Es gibt grundsätzlich zwei Typen von Schreiberlingen. Frei-von-der-Leber-weg und der Konstrukteur. Ich gebe dem Konstrukt den Vorzug, bei Anfängern halte ich es sogar für unerlässlich. Die Chance für sechs Richtige im Lotto liegt bei 1 zu 15 Millionen. Die, frei von der Leber weg zu schreiben und dabei ein Stück achtbare (!) Literatur zu schaffen, noch darunter.

Konstruieren heißt, nicht nur den Anfang und das Ende der Story zu kennen, sondern mindestens auch die wichtigen Wendepunkte. Und die Stellen, wo diese zum Tragen kommen. Jedes vernünftige Drama hat Wendepunkte und eine 600-Seiten-Schwarte eine ganze Menge davon. Und die MÜSSEN richtig platziert werden, sonst kommt die Geschichte ins Schleudern. Dafür ist sie da, die Struktur des Dramas. Und damit der Leser sich nicht langweilt. Das Konstrukt hilft enorm, wenn der Schreiber, siehe Absatz 7, ins Stocken gerät. Und kann eine Menge Arbeit sparen. Es ist wie ein Bauplan für ein Haus. Ohne eine solche Skizze blind drauflos mauern führt mitunter dazu, später die Küche auf dem Dachboden wiederzufinden. Wo sie nicht hingehört. Dann bleibt nichts anderes übrig, als den Mist teilweise wieder einzureißen und neu anzusetzen.

Um einen Irrtum aus der Welt zu schaffen: „Konstruieren“ ist nur zu einem geringen Teil Technik. Es ist ein kreativer Prozess. Man ist bereits mitten im Schreiben. Allerdings lässt sich das bis zur Selbstlähmung treiben. Um auch ja die Kontrolle zu behalten über noch die kleinste Nebensache. Vergessen Sie das. Funktioniert nicht. Schreiben entwickelt eine Eigendynamik, die nicht vorhersehbar ist. Plötzlich verliert ein Charakter an Kontur. Passagen, vorher als absolut notwendig eingestuft, klingen banal. Ihnen fallen dramatischere Wendungen ein als die, die im Konstrukt stehen. Seltener ändert sich sogar die Grundidee. Alles mit teils weitreichenden Konsequenzen. Namentlich, mehrere Kapitel umstellen, ändern, wegwerfen und neu schreiben zu müssen. Ein bekannter Autor, ich glaube, es war David Sedaris, sagte, er empfinde genau diese Eigendynamik als das spannendste am Schreiben. Er sich jeden Tag an den Computer setzt und darauf freut, was die Figuren wohl heute mit ihm anstellen werden.

Das geschieht fortwährend. Jede Story ändert sich im Verlauf ihres Entstehens. Und das macht ein allzu kleinteiliges Konstrukt überflüssig. Aber gibt es wenigstens ein grobes, lassen sich die späteren Einfälle mit den ursprünglichen vergleichen. Nur so kann man beurteilen, ob die neue Idee wirklich die bessere ist. Das ist nicht immer der Fall.

Lektion 9

Es gibt Ausnahmen. Krimis und Thriller erfordern ein ausgefeiltes Konstrukt. Kein Schwein kann mir erzählen, dass es eins von beiden hinkriegt ohne akkurate Planung. Dem Gebot der Spannung folgend sollte jedes Kapitel mit einem Cliffhanger* enden. Das allein ist schon eine Herausforderung. Zudem werden falsche Fährten gelegt, nicht nur für die einzelnen Charaktere in der Story, sondern, um es noch kniffliger zu machen, auch für den Leser. Wann weiß wer was? In einem Krimi oder Thriller gibt es für jeden einzelnen Clou, für jede Wendung exakt EINE richtige Stelle. Hauen Sie daneben, zappeln Sie in einem Netz aus Unlogik. Und der Leser merkt das. Er wird es Ihnen kreuzübel nehmen, das Buch in die Ecke schleudern und nie wieder eines von Ihnen kaufen.

Trotzdem gibt es Autoren, die glauben, das wäre völlig unnötig. Und jene süffisant belächeln, die ihre Manuskripte im Vorfeld sorgsam durchdenken. Wir schauen mal bei Rebecca Gablé vorbei. Die produziert literarische Perlen wie: „Die Siedler von Catan“ und „Das Lächeln der Fortuna“. Aus letzterem nur die ersten drei Sätze.

Zitat:

„Wenn sie uns erwischen, wird es sein, als sei das Jüngste Gericht über uns hereingebrochen“, prophezeite Lionel düster. Sein rundes Jungengesicht wirkte besorgt, und er schien leicht zu frösteln. Eine schwache Brise bauschte seine Novizenkutte auf.“

Zitat Ende.

Lohnt, unter die Lupe genommen zu werden. Zunächst eine reichlich verschwurbelte Prophezeiung, „wenn…dann wird…sein als ob.“ Ich übersetze sie spaßeshalber ins Zeitgenössische: „Wenn sie uns erwischen, wird es sein, als sei uns der Arsch aufgerissen worden.“

Die handfeste Bedrohung wird in einem hinten angestellten Nebensatz zur bloßen Theorie abgesenkt. Wie klingt im Vergleich dazu das: „Wenn sie uns erwischen, reißen sie uns den Arsch auf.“

Es folgen meine erklärten Lieblinge, die nervigen Abschwächer „wirkte“ und „schien“. Was beides dasselbe bedeutet und in einem einzigen Satz untergebracht arm im Ausdruck daherkommt. Schlimmer ist das Rumgeschwiemel in der Aussage.

Warum „scheinen“ und sein Doppelgänger „wirken“ auf den Sack gehen, habe ich hier  ausführlich erklärt. An dieser Stelle nur soviel: Wie beide im zweiten Satz verwendet sind, tragen sie die Bedeutung: etwas scheint, muss aber nicht unbedingt auch sein. Zudem fehlt der direkte Bezug zu einer Person, auf die es so wirkt. Gleich darauf taucht eine zweite Person auf, aber der erschien nichts. Und deshalb wirkt es, als scheine es bloß der Autorin und der Leser darf raten. Ist er nun besorgt oder wirkt er nur so? Wie sieht das aus, wenn jemand nur zu frösteln „scheint“? Und warum fröstelt er? Ist das Wetter mies oder fühlt er eine Kälte in sich? Will jemand Denksportaufgaben lösen, kauft er ein Rätselheft.

Jede Stilfibel empfiehlt, bildhafte Ausdrücke zu verwenden. Ich greife vor und zitiere aus einer davon, die ich später noch vorstellen werde:

Die Augen der Hitlerjungen leuchteten wie die Scheiben brennender Irrenhäuser.

Na?

Gut, das ist schon große Kunst. Erklärt aber bestens die Aufgabe des Erzählers. Im Leser ein Gefühl, eine Vorstellung zu erzeugen. Welches Gefühl entsteht, wenn ein Kerl besorgt wirkt und zu frösteln scheint? Im dritten Satz kommt dann mal ein Bild und das hängt prompt schief. Eine Brise ist per definitionem ein „leichter Wind, Lufthauch“. Eine „schwache Brise“ ist demzufolge eine Tautologie, ein alter Greis oder eine tote Leiche. Und schon eine Brise vermag keine Novizenkutte aufzubauschen. Geschweige denn ein Lufthauch, der durch ein überflüssiges Adjektiv auch noch der Hälfte seiner ohnehin spärlichen Kraft beraubt wird. (mehr zur Brise)

Dieses Maß an sprachlicher Schluderei versammelt in drei kurzen Sätzen! Eins wird dabei deutlich: DAS braucht man nicht zu konstruieren. Ein hirnparalysierter Pavian bekäme 600 Seiten derartiges Wortgebimmel in drei Wochen hin ohne die geringste Vorarbeit. (Und nur nebenbei: Das Buch ist von einem Verlag herausgegeben. Lektoriert da eigentlich jemand?)

Madame schreibt auch Krimis. „Jagdfieber“ heißt einer. Oberstes Gebot spannender Unterhaltung: der dramatische Einstieg. Ein Hollywoodproduzent gab einem Drehbuchautor mal folgenden Rat: „Fangen Sie mit einem Erdbeben an und dann langsam steigern.“

Womit fangen Krimis an? Im günstigsten Fall mit einem Mord. Oder einem anderen Verbrechen. Oder der Vorbereitung eines Verbrechens. Oder wenigstens, und das ist dann schon lange kein Erdbeben mehr, eine Andeutung, hinter der nächsten Ecke könne etwas Böses lauern. Und hier? „Jagdfieber“ langweilt den Leser seitenlang mit einer nichtssagenden Unterhaltung zwischen dem Protagonisten und seinen zwei Kindern. Bisken konstruieren schad nix. Dann fällt einem dieser Kardinalfehler vielleicht auch auf. Wie lautete der Spruch noch mal?

Der erste Entwurf ist immer Scheiße!

Aber nein, wir sind ja genial und was spontan durch die Hirse geht, wird wohl gleich die erste Sahne sein. Und Kleckser, die auf diese Weise an ihre Bücher herangehen, haben Erfolg damit. Warum, erkläre ich in Teil 4.

*Cliffhanger bezeichnen sowohl im Film als auch in der Literatur Spannungshöhepunkte. Ein oft verwendeter im Horror-Genre beginnt mit einem unheimlichen Geräusch auf dem Dachboden. Angsterfüllt schleicht ein unschuldiges Mädchen, sie ist ganz allein auf sich gestellt, die Treppe hinauf. Das Licht funktioniert nicht, sie bewaffnet sich mit einer herumliegenden Dachlatte, stößt die Tür zum stockdunklen Dachboden auf und dann … lässt der Autor den Leser hängen. Fährt mit einer anderen Episode fort und kehrt erst im anschließenden Kapitel wieder in den dunklen Dachboden zurück.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s