Erfolgreich schreiben

Die 10 goldenen Regeln für jeden Autor

Nachtrag vom 26. April 2014

Zu meinem Erstaunen haben mehrere Leser auf diesen Artikel in einer Weise reagiert, die mich zu einer Warnung veranlasst. Ich empfehle daher Personen, die unter Leichtgläubigkeit leiden, dem Scheuklappensyndrom, Betriebsblindheit oder anderen, die Urteilskraft beeinträchtigenden Störungen, sich zunächst die Hinweise zu Risiken und Nebenwirkungen durchzulesen.

1

Was man selbst erlebt hat, ist in jedem Fall interessanter als irgendeine erfundene Geschichte. Reine Fiktion empfindet der Leser als unglaubwürdig. Abenteuer in exotischen Ländern? Aliens und Vampire? Serienkiller und Cyber-Kriege?
Um wie vieles nachvollziehbarer, und daher spannender, sind dagegen die Erlebnisse einer Sozialarbeiterin oder eines Finanzbeamten. „Aus dem Leben gegriffen“ ist das Zauberwort. Natürlich kann man hie und da etwas hinzudichten. Wenn sich z.B. die Sozialarbeiterin auf einem Pferdehof in einen reichen, attraktiven Adeligen verliebt. Das mag in der Realität nur selten vorkommen, aber der Wunsch, so etwas möge einem selbst passieren, ist schließlich auch Realität.
(Man bemerke, dass ich hier in einem Satz zweimal das Wort „Realität“ benutze. Dazu komme ich noch.)

2

Rechtschreibung und Grammatik sind was für Weicheier. Zumindest offenbart das Beharren darauf einen kleinkrämerischen Charakter. Ein Text ist nicht schlecht, weil er Fehler enthält. Welcher Leser, bitteschön, kennt den Unterschied zwischen Konjunktiv 1 und Konjunktiv 2? Was ist so schlimm daran wenn, gelegentlich das Komma falsch sitzt? Der Leser ist ja nicht blöd und weiß schon intuitiv, was gemeint ist. Und wer, mal ehrlich, schreibt das Wort „Rythmus“ korrekt? (Oder Rhythmus, je nachdem) Man versteht doch, was gesagt werden soll. Rythmus bleibt Rythmus, egal wie oft der Buchstabe „h“ darin vorkommt. Selbst hierbei dürfte doch wohl verständlich sein, was ausgedrückt werden soll:
„Peter ist eine Portion Pommes.“
Fehler sind menschlich. Wer ohne Schuld isst, werfe den ersten Stein.

3

Der Stil macht die Musik. Wegen der verbreiteten Meinung, in einer Erzählung solle man starke, bildhafte Verben verwenden, ist manch einer verwirrt. Zu Recht, weil diese Regel Humbug ist!
Die schwachen Hilfsverben (war, hatte, konnte, wollte, machte, usw.) sind dazu da, das direkte Wort zu wählen. Deswegen heißen sie so. Sie „helfen“, den passenden Ausdruck zu finden, während man bei starken Verben häufig herumrätseln muss, was der Autor eigentlich meint.
„Ängstlich irrte sie durch den Wald. Der Nebel ergriff ihre Wangen mit kalten Fingern.“
Nebel greift mit kalten Fingern? Was soll das heißen? Darunter kann sich keiner was vorstellen.
„Es war neblig und sie hatte ein kaltes Gesicht.“
Das sagt doch alles. Auch im ersten Satz geht´s noch präziser: „Sie war im Wald und hatte Angst, weil sie sich verlaufen hatte.“
Lässt sich da noch etwas gegen Hilfsverben einwenden?

4

Adjektive machen einen Text lebendig. Nur allzu häufig hört man das Genöle um die sogenannte „Adjektivitis“. Sparsam damit umgehen, und wo es geht, darauf verzichten. Wie armselig wären die Geschichten dann. Her mit den Adjektiven! Je mehr, desto lebhafter wird es.
So?
„Der Sturm peitschte die Brecher in das Boot.“
Oder doch besser so?
„Der starke Wind war so mächtig, dass er die großen Wellen in das kleine Boot drückte.“
Hier sieht man deutlich, wie der zweite Satz an atmosphärischer Dichte gewinnt. Auch, weil das marktschreierische Verb „peitschen“ durch das realistischere „drücken“ ersetzt ist.
Dabei lässt sich noch etwas anderes erkennen: Einfache Adjektive wie „stark“, „groß“ und „klein“ sind immer vorzuziehen. „Mannshohe Wellen“ klingt einfach nur gewollt.

5

Wiederholungen sind wichtig. Die Auffassungsgabe eines Lesers ist begrenzt. Was wichtig ist, sollte daher wiederholt werden. Am besten dreimal und das kurz hintereinander. Dabei sind Variationen natürlich gestattet:
„Das riesige Schloß hatte vier Etagen und über dreißig Zimmer.“
(später:) „Sie betrat eines der unzähligen Zimmer, die sich in dem großen Schloß auf vier Etagen verteilten.“
(und noch etwas später:) „Sie war verloren in dem Schloß, das ihr mit den vier Stockwerken und den vielen Zimmern riesig erschien.“
Jetzt kann sich jeder vorstellen, wie verloren sich die Frau fühlt.
Empfehlenswert ist auch die häufige Wiederholung einzelner Begriffe. (siehe Regel 1, am Beispiel „Realität“.) So weiß der Leser, worauf sich etwas im Folgenden bezieht und muss nicht raten.

Die Regeln im Anschluss räumen mit inhaltlichen Irrtümern auf, die sich hartnäckig halten.

6

Die ersten Seiten ziehen in die Story. Genau da machen die meisten Autoren auch den ersten Fehler.
Ein spannender Einstieg irritiert! Gerade bei Krimis und Thrillern. Viel interessanter ist eine längere Erklärung der persönlichen Gefühle und Lebensumstände der Protagonisten. Also einer Kommissarin, zum Beispiel. Niemand folgt einer Figur, über die er nichts weiß. Warum, um beim Krimi zu bleiben, dramatisch anfangen? Allen ist klar, dass ein Verbrechen vorkommen wird. Deshalb ist es falsch, gleich vorn das ganze Holz zu verfeuern. Eindrucksvoller beginnt man eine solche Geschichte damit, wie herzlich sich die Kommissarin um Mann, Kinder und die Katzen kümmert. Das macht sie sympathisch und sofort ist jeder gespannt, ob sie den Fall lösen kann.

7

Das gleiche gilt für die Beschreibung des Äußeren. Da man die Figuren nicht sehen kann wie im Film, muss der Autor ein möglichst umfangreiches Bild entwerfen. Viel hilft viel. Körpergröße, Haar- und Augenfarbe, die übrigen, wesentlichen Gesichtszüge, Kleidung, Accessoires. Eine originelle Methode ist es, die Figuren sich im Spiegel betrachten und selbst beschreiben zu lassen. Das gibt es nur selten in der Literatur und weist den Autor als pfiffig und innovativ aus.
Gleichzeitig lassen sich hier auch schon en passant Vorlieben und Abneigungen der Protagonisten unterbringen, religiöse und politische Ansichten oder wie gut (oder schlecht) sie mit Hunden können. Da sind keine Grenzen gesetzt und es hilft der Fantasie auf die Sprünge. Denn der Leser ist mit lesen beschäftigt und will sich nicht mit Überlegungen aufhalten, wie zum Kuckuck die Personen aussehen und was sie denken.

8

Dialoge dienen ausschließlich der Weitergabe von Informationen. Auf keinen Fall sollte man versuchen, damit den Sprecher zu charakterisieren oder gar einen Konflikt in der Szene heraufbeschwören. Das passiert im Alltag auch nicht und wirkt daher absurd. Kampf dem überflüssigen Geschwafel. So simpel gehen effektvolle Dialoge:
„Wo sind die Autoschlüssel?“
„Auf dem Küchentisch.“
„Ach, ja, tatsächlich. Habe ich gar nicht gesehen.“
„Wo fährst du hin?“
„Nur kurz in die Stadt, einkaufen.“
Schon entfaltet sich die ganze, turbulente Szene plastisch vor dem Auge des Lesers. Braucht man mehr?

9

Romanfiguren entwickeln sich im Laufe einer Erzählung nicht. Ebensowenig, wie das Sozialarbeiterinnen und Finanzbeamte im echten Leben tun. Natürlich erlangt jeder Mensch irgendwann eine gewisse Stufe der geistigen und körperlichen Entwicklung. Das nennt sich „Reife“. Die banalste Sache der Welt und damit untauglich, um sie prosaisch auszuwalzen. Trotzdem schallt es nimmermüde, der „Held“ (die Heldin) einer Geschichte müsse sich entwickeln, Höhen und Tiefen durchwandern, um am Ende Läuterung zu erfahren, sich selbst zu erkennen.
Aufgestellt hat diesen Lehrsatz Aristoteles, in der Antike Chef-Theoretiker in Sachen Erzählkunst. Was können wir von ihm lernen? Nichts.
Mag Homers Held Odysseus auf seiner Reise zu sich selbst gegen Zyklopen, Sirenen und Seeungeheuer gekämpft haben; die in sich gereifte Sozialarbeiterin auf dem Pferdehof hat andere Probleme. Wo soll sich da bei ihr was entwickeln, wenn es darum geht, ihren Adeligen vor den Traualtar zu schubsen? Die Regeln von Altmeistern zu ignorieren, ist eine empfehlenswerte Strategie auf dem Weg, wahrhaft einmalige Geschichten zu erzählen.

10

Das letzte ist eigentlich keine Regel, sondern ein dringender Rat. Das fertige Manuskript sollte man nur Freunden und Verwandten zu lesen geben. Hier findet sich das objektivste Publikum, umso mehr, wenn es vom Schreiben absolut keine Ahnung hat. Sagen Freund und Familie, dass die Geschichte toll und rundrum gelungen ist, stimmt das auch. Wer ist geeigneter, ein Werk zu beurteilen als diejenigen, die den Autor persönlich kennen und schätzen? Professionelle Lektoren und andere, selbsternannte Experten dagegen sind notorische Nörgler, die das Haar in der Suppe suchen. Und finden, selbst wenn keines drin ist. Kaputtreden ist ihre Passion und es lohnt nicht, dem Gemecker auch nur ein halbes Ohr zu gönnen. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Gerade da, wo der Sachverstand fehlt, kann man sich die besten Tipps holen.

Nun frisch ans Werk. Ausgerüstet mit diesen goldenen Regeln steht der Karriere nichts mehr im Weg. Falls doch, gehört man leider zu den bedauernswerten Autoren, denen ein unverständiges Publikum und gehässige Kritiker die gebührende Achtung verweigern. Da bleibt dann nur die Flinte oder der einmal erlernte Beruf. Vielleicht alternativ das hier.

 

Risiken und Nebenwirkungen

Vorsicht! Der Artikel enthält zu 95 Prozent Ironie. Das kann besonders bei o.a. Krankheitsbildern dazu führen, dass sich die Symptome verstärken. In der Folge ist ein Hang zu fatalen Rückschlüssen möglich. Unter anderem dem, die im Artikel getroffenen Aussagen wären ernst gemeint oder entsprächen auch nur ansatzweise der Wahrheit. In extremen Fällen sind finanzielle Risiken nicht auszuschließen. Ausdrücklich gewarnt wird nach Einnahme des Artikels vor dem Hantieren mit Schusswaffen
Die restlichen 5 Prozent Inhaltsstoffe können dagegen allgemein als harmlos angesehen werden, speziell das Folgen des Links am Ende des Artikels. Dahinter verbirgt sich ein 5-stufiger Genesungsplan. Die darin empfohlenen Therapien sind langjährig erprobt und zeigen bisher durchweg positive Resultate. Konsequent angewendet liegt die Chance auf Heilung bei nahezu 100 Prozent.

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