Tote Leiche oder corpus delicti

Wie man etwas korrekt falsch macht

Mit diesem Beitrag nehme ich nochmal Bezug auf eine Autorin, der ich im „Kostenlosen Kurs für kreatives Schreiben, Teil 3“ vorwarf, der von ihr verwendete Ausdruck „schwache Brise“ sei tautologisch. (meint: überflüssigerweise doppelt gesagt wie „tote Leiche“) Allen, die der Meinung sind, es gebe sehr wohl so etwas wie eine schwache Brise, kann ich nur in aller Deutlichkeit sagen:

Ja! Gibt es. So wie es auch eine steife Brise gibt. Aber das sind die Klassifikationen des deutschen Seewetteramtes. Von Interesse für Küstenbewohner und alle, die auf einem Wasserfahrzeug in der deutschen Bucht unterwegs sind. Und für die auch verständlich. Ein Belletristik-Autor wird hoffentlich nicht die Dreistigkeit besitzen, seine Leser zu zwingen, erst in dieser Tabelle nachzuschauen, damit sie wissen, mit welcher Windstärke sie es in dem Roman zu tun kriegen.

Im allgemeinen Sprachgebrauch bedeutet „Brise“ jedoch dudengemäß „leichter Wind, Lufthauch“. Und der allgemeine Sprachgebrauch ist das, was der Autor bei seinen Lesern voraussetzen kann. Es sei denn, er wendet sich in diesem Fall ausdrücklich nur an Freizeit – und Handelskapitäne. Die meisten anderen stehen nämlich doof da.

Aus einem ähnlichen Grund nervtötend ist die häufige Verwendung naseweiser Ausdrücke, wie sie zum Beispiel in Frank Schätzings „Schwarm“ zu finden sind. Dort klatscht er dem Leser unter anderem ein paar Mal die „Fluke“ ins Gesicht. Das ist der Fachbegriff für die Schwanzflosse eines Wals. Keine normale Sau benutzt das Wort Fluke! Das ist schiere Schaut-mal-ich-weiß-was-Angeberei.

(Schätzing ist nicht der einzige, der mit dieser anödenden Volksschullehrer-Attitüde daherkommt. Er drängt sich mir in diesem Zusammenhang auf, nur weil er ebenfalls im „Kurs“ erwähnt wird.)

„Der Schwarm“ richtet sich mit Sicherheit nicht vorwiegend an Angehörige der gehobenen Bildungsbürgerschicht. Warum also nicht Schwanzflosse? Dann weiß auch Lieschen Müller, was gemeint ist. Ich selbst habe mir diese maritime Lehrstunde nur bis etwa zur vierhundertsten Seite angetan. Da ging dann Konzentration im Verbund mit der Geduld flöten. Es sollte mich aber nicht wundern, wenn Schätzing im weiteren Verlauf der Story auch noch „Cephalopoden“ auf die Protagonisten und Leser loslässt.

Für alle, die aus verständlichen Gründen bei dem Untier ins Schleudern geraten: Das aus dem lateinischen stammende „Cephalopoden“ übersetzt sich wörtlich „Kopffüßer“ und jeder umsichtige Autor verwendet dann das jedem bekannte „Krake“. Schließlich will man sich vor der Lektüre leichter Unterhaltung nicht erst drei, vier Doppelstunden Biologieunterricht zumuten. Oder mittendrin aufspringen und im Internet herausfinden, was zum Donnerwetter das Kontinentalschelf ist.

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