Zu meinen scheinen

Bedeutungsblindgänger

(Erster Teil – da werden sicher noch welche folgen)

Nichts nervt mehr als der falsche Gebrauch des Verbs „scheinen“ und des Adverbs „fast“ in der Erzählprosa. Dort ist nicht alles gestattet, was in der Umgangssprache durchgeht. (Gemeint ist hier scheinen in der Bedeutung „wirken, als ob“)

Schreiberlinge leisten sich weit mehr Sprachmacken. Nur wenige beherrschen zum Beispiel den korrekten Gebrauch des Konjunktivs. Obwohl hauptsächlich nur zwei Formen Verwendung finden. Der Konjunktiv der indirekten Rede und der Irrealis.

Er sagte, er sei zu spät gekommen, weil er sich verfahren habe. – indirekte Rede. Meint: Er IST zu spät gekommen, weil er sich verfahren HAT.

Er sagte, er sei zu spät gekommen, weil er sich verfahren hätte. – Irrealis. Meint: Er BEHAUPTET, weil er sich verfahren hat, ist er zu spät gekommen. Da der Irrealis Dinge benennt, die nicht sind, ist diese Aussage eine Lüge.

Der falsch gesetzte Konjunktiv wirkt sich nicht so fatal aus, weil ihn auch nur wenige Leser erkennen. Und deshalb oft intuitiv erfasst wird, was gemeint ist. Der unkorrekte Gebrauch von „scheinen“ und „fast“, der sich verbreitet wie die Pest im Mittelalter, verwirrt dagegen und führt zu sagenhaft blöden Aussagen. Und beide sind mau im Ausdruck und in 99 Prozent aller Fälle durch elegantere Formulierungen ersetzbar.

Nehmen wir zunächst „scheinen“ und seinen Bedeutungs-Doppelgänger „wirken, als ob“. Diese Verben drücken einen Zustand des Sich-nicht-sicher-seins aus. Scheint etwas oder wirkt, als ob, kann es auch anders sein, bis zum Gegenteil.

„Er schien krank zu sein“, ist zunächst nichts weiter als eine Vermutung. Und die stellt jemand an. Also erfordert es eine Person, der das so scheint. Auf die das wirkt, als ob. Ein krank Scheinender ist aber Blödsinn, wie in den unten angegebenen Beispielen ausgeführt. Denn: Beide Verben taugen NICHT zur Beschreibung von Gefühlen oder dem Verhalten von Personen. Mit einer Ausnahme. Wenn sich eine Person in direkter Konfrontation mit einer zweiten über deren inneren Zustand täuscht.

Man kann „scheinen“ und „wirken“ anwenden, wenn sich Zustände oder Personen einer direkten Einschätzung entziehen.

„Als van Gogh das Bild gemalt hat, schien er besoffen gewesen zu sein.“

Oder ein Vergleich benutzt wird.

Also nicht: „Sein Bauch wirkte aufgepumpt.“

Sondern: „Sein Bauch wirkte, als stecke eine Bowlingkugel im Magen.“

Wobei man gleich sehen wird, wie leicht sich das flaue „wirken“ ersetzen lässt:

„Sein Bauch WÖLBTE sich, als stecke eine Bowlingkugel im Magen.“

***

Schauen wir uns einige Beispiele an und das hab ich alles in diversen Publikationen gelesen! Als erstes das der im Schreibkurs Teil 3, Lektion 9 zitierten Autorin.

Sein rundes Jungengesicht wirkte besorgt, und er schien zu frösteln.“

Sieht nach einem harmlosen Foul aus, kriegt aber gleich drei Rote Karten. Die erste: Erzählperspektive. Da niemand zugegen ist, der diese Vermutungen anstellt, bleibt nur noch eine Person übrig. Die Autorin. Wenn die nicht weiß, was ihre Figuren umtreibt, wer sollte sonst?

Die zweite: Jedes Gefühl äußert sich in einem Verhalten. Hier legt der Kerl vielleicht die Stirn in Falten, kaut auf der Unterlippe. Dazu bibbert er noch oder reibt seine Hände aneinander. Und deshalb wirkt und scheint da auch nix. Es IST. Nur dann nicht, wenn in der Szene jemand über den inneren Zustand des fröstelnd Besorgten im Unklaren gelassen werden soll. Was hier Unfug wäre. Und so sind es, dritte Rote Karte, die Leser, die im Dunkeln stehen. Die wollen da aber nicht blind herumstochern, sondern sehen, was los ist. Und noch eine Gelbe Karte für das Kunststück, den matten Ausdruck in einem Satzgebilde von gerade 10 Wörtern gleich zweimal unterzubringen.

Die Herren der Schöpfung können das auch. Ein Autor schien Frau Gablé noch übertrumpfen zu wollen.

„Sie wirkte, so schien es mir, verblüfft.“

Was die profunde Aussage enthält: „Sie schien, so schien es mir, verblüfft.“ Damit wird die Vermutung in die zweite Potenz erhoben. Da ist sich jemand nicht sicher, ob er nicht sicher ist, ob sie verblüfft ist. Möglich, dass ich mit meiner Einschätzung über die Absicht des Autors daneben liege. Tatsache ist: Er HAT seine Konkurrentin in allen Belangen übertrumpft. Runter vom Feld, und zwar stehenden Fußes, Monsieur!

Genau da, wo „scheinen“ fehl am Platze ist, wird es inflationär eingesetzt. Die Liste ist endlos. Schien zufrieden, schien in ihm zu rumoren, schien sich nicht zu freuen, schien am Ende seiner Kräfte, perplex, neidisch, hungrig, krank, usw. Sogar: „schien außer sich zu sein.“ Das ist ein besonderes Schmuckstück. Man kann schlicht nicht außer sich sein und dann nur so scheinen. Diese Marotte, Dinge zweideutig zu halten, wo es keinen Sinn ergibt, bleibt mir ein Rätsel.

Es funktioniert…

 … in der direkten Rede.

„Das scheint mir der geeignete Mann für das Unternehmen.“

Der Sprecher befindet sich in einem Zustand des Sich-nicht-sicher-seins. In der direkten Rede gehen auch Aussagen wie: „Sie schien mir aber reichlich nervös.“ Weil deutlich wird, was der Sprecher damit meint, nämlich, dass sie reichlich nervös WAR.

 … in der neutralen Perspektive, wenn es sich um die Beurteilung von Sachverhalten handelt.

„Er überlegte lange. Die Sache zu verschweigen schien ihm schließlich am vorteilhaftesten.“

Man sollte aber bedenken, dass solche Sätze eine Lösung herbeischreien. Das ist nicht schlecht, nur darf man dem Leser nicht vorenthalten, ob der Mann mit seiner Einschätzung richtig lag oder daneben. Trotzdem ist zu überlegen, das schwache „scheinen“ durch einen stärkeren Ausdruck zu ersetzen, der die gleiche Wirkung erzeugt. „Er GLAUBTE, die Sache zu verschweigen, sei am vorteilhaftesten.“

… in der Ich-Perspektive, wenn der Erzähler sich über Dinge oder das Verhalten von Personen nicht im Klaren ist.

„Den teuren Klamotten und ihrem hochnäsigen Auftreten nach schien sie aus reichem Hause zu stammen.“

Ich schließe bei einer Frau, die ich nicht kenne, von Äußerlichkeiten auf ihre Herkunft und die Dicke ihrer Brieftasche. Sie könnte aber auch eine Heiratsschwindlerin sein, mit geklauten Klamotten aufgebrezelt. Auch hier gilt, den Leser später wissen zu lassen, ob ich recht habe oder nicht. Ebenso gilt hier wiederum, das kräftigere Verb zu wählen.

„Den teuren Klamotten und ihrem hochnäsigen Auftreten nach STAMMTE sie aus reichem Hause.“

Darüber hinaus sollte man den Ich-Erzähler nicht zu oft etwas „scheinen“ lassen. Man macht ihn sonst zu einem Blödian, der aber auch von nichts eine Ahnung hat.

… wenn es sich um eine Täuschung handelt.

„Drei Tage wanderten wir durch die flache Ebene auf die ferne Kette der Berge zu. Und immer noch schienen wir ihnen keinen Meter näher gekommen.“

Das drückt ein Gefühl aus. Natürlich sind sie faktisch näher dran als noch vor drei Tagen, es sieht aber nicht so aus. Eine Täuschung.

„Der Mond ging zwischen den Wolkenkratzern auf. Er schien auf das Dreifache seiner normalen Größe aufgebläht.“

Dies ist sogar ein echtes Phänomen. Die Mondtäuschung. Und auch die ist ohne „scheinen“ zu beschreiben.

„Der Mond ging zwischen den Wolkenkratzern auf und blähte sich auf das Dreifache seiner normalen Größe auf.“

Klingt einfach besser, obwohl man dem Mond unterstellt, er könnte sich aufblähen. Das ist dichterische Freiheit!

Bei der Täuschung, und nur dort, kann man damit Gefühle oder Verhalten von Personen beschreiben:

„Wir feierten unseren vierten Hochzeitstag und sie schien glücklich an meiner Seite. Noch am selben Abend brannte das Luder mit meinem besten Freund durch.“

Der Mann schätzt das Verhalten seiner Frau falsch ein und die Lösung wird gleich hinterher geliefert. Somit ist die Verwendung von „scheinen“ legitim. Besonders, weil der vermeintlich glücklich verlaufene erste Teil des Hochzeitstages in der Vergangenheit liegt und der Erzähler darauf zurückschaut. Dennoch würde ich die direkte Wiedergabe vorziehen. Sie ist bildhafter und die dramatische Wendung kommt überraschender.

„Wir feierten unseren vierten Hochzeitstag und sie strahlte vor Glück. Noch am selben Abend brannte das Luder mit meinem besten Freund durch.“

So transportiert es die Fehleinschätzung des Erzählers auf die gleiche Weise. Und das ist ja, was er sieht. Dass seine Frau glücklich IST. Er täuscht sich nur über den Grund. Sie freut sich nicht über den Hochzeitstag, sondern über die Aussicht, nur Stunden später mit seinem besten Freund zu verduften.

Fazit: Finger weg vom „scheinen“. Man trifft selten (und nicht etwa „fast nie“) ins Schwarze. Und damit kommen wir zu „fast“.

***

Bedeutet gemäß Duden: kaum noch von einem bestimmten Zustand, Ergebnis, Ausmaß, einer Anzahl, Größe o. Ä. entfernt;

Zustand

„Die anderen Läufer besaßen keine Chance, ihn einzuholen. Fast hatte er die Ziellinie erreicht, da beschloss eine Taube, ihm direkt ins Auge zu kacken.“

Schön dramatisch, richtig verwendet. Und dennoch. Wie beim „scheinen“ lässt sich „fast“ mit Hilfe eines stärkeren Verbes ersetzen. Wie klingt das:

„Die anderen Läufer besaßen keine Chance, ihn einzuholen. Ihn TRENNTEN nur 10 Meter von der Ziellinie, da… und so weiter.“

Das schwächelnde „fast“ ist weg und man eliminiert noch das Hilfsverb -hatte-.

Anzahl

„Er schaffte es, fast sechs Liter Bier in sich hineinzuschütten.“

Ist okay. Sind eben nicht ganz sechs Liter. Stellt sich die Frage, warum das so wichtig ist, dass er nicht das halbe Dutzend voll kriegt. Dahinter steckt der Glaube, „fast“ würde die Tatsache, der Kerl habe ziemlich viel gepichelt, verstärken. Das Gegenteil ist der Fall. Einfach weglassen. Wirkt. Pralle sechs sind mehr als nur fast soviel.

Zeitmaß

„Er brauchte fast eine halbe Stunde, die Tür zu öffnen.“

Zugegeben, es klingt seltsam, wenn man hier in der Zeitangabe exakt ist: „Er brauchte 28 Minuten, um die Tür zu öffnen.“

Es sei denn, er hat nur 30 Minuten, um eine hinter der Tür verborgene Zeitbombe zu entschärfen. In allen anderen Fällen ist, wie beim Bier oben, die Einschränkung dennoch unnötig. Also das „fast“ wieder streichen.

Und hier wird´s dann bunt:

 „Es dauerte fast eine Ewigkeit…“

Ewigkeit bedeutet: unendlich. In seiner zeitlichen Dimension nicht definierbar, und für uns alle auch nicht erfahrbar. Fast eine Woche? Gut. Sind 5 oder 6 Tage. Was ist „fast ewig“? Man kann sagen: „Es dauerte eine Ewigkeit“. Das ist als Redewendung verständlich, obwohl andererseits auch ein zu vermeidendes Klischee. Ebenso wie das bemüht lustige „halbe Ewigkeit“. Die Verkürzung der Unendlichkeit auf „fast“ ist lächerlich.

Geht noch bunter:

„Endlich küsste er sie. Sie meinte, fast vor Glück zu zerspringen.“

Das ist, als packe jemand “ein fast erhaltenes“ Geschenk aus und somit ein Ding der Unmöglichkeit. Gesagt werden soll, dass die Dame das Gefühl überkommt, vor Glück zu zerspringen. Da sie es aber nur fast, also NICHT tut, wird der Kuss-Genuss auf ein überschaubares Maß reduziert. Obendrein „meinte“ sie bloß, etwas passiere beinahe und das moppelt es auch noch doppelt. Weg mit dem Mist:

„Er küsste sie endlich und sie zersprang vor Glück.“

Warum nicht so fett?

Die Sache kann man auf die Spitze treiben, indem man das Adverb direkt mit der Meinung verbindet:

„Als sie ihm die Nachricht vom Tod seines Sohnes überbrachten, meinte er fast, die Erde würde ihn verschlingen.“

Damit ist er kaum noch vom Zustand des „Meinens“ entfernt. Hat ihn aber noch nicht erreicht. „Fast meinen“ führt somit die darauf folgende Aussage ins Nirvana. Das Gefühl, die Erde würde ihn verschlingen, kommt ihm gar nicht erst.

Und der absolute Killer:

„Fast schien es ihm, ….

Ja, hab ich auch in einem Buch gelesen. Hat einer tatsächlich so geschrieben. Das ist dann schon schierer Humbug. Übertragen bedeutet es: Kurz bevor der Mann im Begriff ist, sich über eine bestimmte Situation nicht sicher zu sein, hört diese auf, ihm so zu scheinen. Einen derart synapsenverstopfenden Zustand erreicht man wohl nur mit einer Überdosis LSD.

Fazit: auch vom „fast“ die Pfoten weg! Und das „scheint“ nicht nur die beste Lösung. (das eingangs erwähnte „fast nie“ ist übrigens okay, aber nicht schön. „Selten“ sagt es eleganter. Und man spart ein Wort. Was oft, und nicht etwa „sehr oft“, die bessere Wahl ist.)

Allen, die mehr über die deutsche Sprache und ihre Stolperfallen erfahren möchten, empfehle ich diesen lohnenswerten Ausflug.

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