Leseprobe

 

 

Das Auge der Dunkelheit

von

Daniel Dekkard

 

 

Mystery-Thriller

 

Copyright © 2014 Daniel Dekkard

Alle Rechte vorbehalten

 

 

 

Prolog

Januar 1988, Natuna-Archipel, Südchina-See

Dort draußen konnte nichts sein. Es hätte auf dem Radar auftauchen müssen. Kapitän Randarwal Singh blickte über das Vorschiff. Die Sterne steckten hinter einer geschlossenen Wolkendecke. Jenseits der Bordwände dehnte sich konturlose Schwärze, lastete auf der glatten See.
„Wo?“, fragte er scharf.
„Drei Strich Backbord voraus, Sir.“
Der Navigationsoffizier reichte ihm das Fernglas und Singh richtete es auf den angegebenen Punkt. Dabei beugte er sich vor, als könne er auf diese Weise weiter in die Dunkelheit dringen. Mit seinem Bauch berührte er das Instrumentenbord. Ein Klacken verriet den Revolver, den er unter der Uniformjacke verbarg. Er hasste den Umgang mit Schusswaffen. Seit sieben Jahren hielt Singh den Befehl über die Nalanda Star, steuerte den rostigen Frachter in jeden Hafen zwischen Bangkok und Port Moresby. Nie hatte er den Revolver aus dem Schrank holen müssen. Bis er sich auf diese Sache eingelassen hatte.
„Ein Licht. Keine Ahnung, was das war“, hörte er den Offizier sagen.
Dort draußen durfte nichts sein! Und was er sah, bestätigte sein banges Hoffen. Nur schwarzer Himmel über schwarzem Wasser.
„Schon an der Rumflasche geschnüffelt?“, grantelte Singh. Gerade wollte er das Glas absetzen, da flackerte es auf, in der Sichtlinie, kurz und schwach. Und doch reichte es, um für einen Sekundenbruchteil, wie beim Blitz eines Fotoapparates, die matt schimmernde Bordwand eines Bootes erkennen zu können.
„Verdammt!“, entfuhr es Singh.
Ein Boot ohne Positionslichter, das dem Radar entging, übertraf seine Befürchtung. Er wirbelte herum, brüllte in den Funkraum: „Notsignal absetzen! Piraten!“
Er betete, dass es nur Piraten waren. Rasch und präzise bellte er die nächsten Befehle.
„Ruder hart Steuerbord! Lampen löschen! Alle Mann auf die Brücke!“
Die Signalpistole in der Hand riss der 1. Offizier die Tür zum Kommandodeck auf. Das nächste Aufblitzen sahen alle auf der Brücke mit bloßem Auge. Dem Licht folgte ein winziger Komet, der auf sie zuraste.
„Runter!“
Auf der Stelle warf sich der Kapitän zu Boden. Verblüfft drehte der 1. Offizier sich zu ihm um und Singh ahnte, dass ihn ein Todgeweihter anstarrte. Im nächsten Moment erschütterte eine Detonation die Kommandobrücke. Metallsplitter jaulten über das Vorschiff. Die Brückenfenster zerplatzten und deckten die Männer mit einem Glasregen ein. Lähmende Sekunden vergingen, bis jeder begriff. Eine Granate hatte das Peildeck über ihnen getroffen. Stöhnend, taub vom Lärm der Explosion, hob Singh seinen Kopf. Zitternd kauerte der Funker unter seinem Tisch, schüttelte verneinend den Kopf. Es hatte die Antennenanlage erwischt, das Notsignal war nicht mehr rausgegangen. Vorsichtig lugte Singh über die Brüstung, gleißendes Licht blendete ihn. Die Piraten hielten einen Scheinwerfer auf das Vorschiff gerichtet. Zu Singhs Verwunderung lag ihr Boot ruhig. Sein wiederkehrendes Gehör vernahm auch keine Motorengeräusche. Hoffnung keimte in ihm auf.
„Die haben Probleme mit ihrem Kahn“, raunte er grimmig.
Seine Nalanda Star hingegen befand sich in voller Fahrt. Der Kaperer fiel backbords weiter ab. Mit Glück konnten sie es bis Serasan schaffen, der südlichsten der Großen Natuna-Inseln. Dort gab es einen Stützpunkt der indonesischen Küstenwache. Rasch verschaffte sich der Kapitän ein Bild der Lage.
Ausgestreckt auf dem Boden liegend zog es der Navigationsoffizier vor, in Deckung zu bleiben. Der Rudergänger stand noch an seinem Platz hinter dem Steuerrad, blutete aus haarfeinen Ritzen, verursacht durch den Schrapnellsturm des Fensterglases. Entschlossen hielt er den Frachter auf Kurs. Er stammte von den Bugis ab, einem verwegenen Seefahrervolk von der Küste Sulawesis. Wegen einer solchen Lächerlichkeit den Posten zu verlassen, verbot ihm sein Stolz. Singh erhob sich und trat auf das Brückendeck hinaus. Die Schiffsbeleuchtung brannte noch. Offenbar hatte sein Befehl, die Lampen zu löschen, den leitenden Ingenieur nicht erreicht. Zwischen verbogenen Teilen des heruntergestürzten Peilrahmens entdeckte er die Signalpistole, von seinem 1. Offizier keine Spur. Singhs Aufmerksamkeit richtete sich auf das Hinterschiff. Dort, auf dem Backdeck, halb von der hinteren Ladeluke verdeckt, lag reglos ein Matrose mit blutverschmiertem Oberkörper.
Unmöglich. Dort hinten konnte ihn nicht einmal ein Splitter der Granate erreicht haben.
Achtern schlug etwas dumpf gegen die Bordwand. Schatten huschten über das Deck. Gelähmt erkannte Singh den tödlichen Fehler, den er begangen hatte.
Der Passagier!


Kapitel 1

Leonard schoss hoch mit dem erstickten Schrei eines Scheintoten, der sechs Fuß unter der Erde in einem Sarg erwachte und den letzten, verbliebenen Sauerstoff einsaugte, den das entsetzliche Gefängnis noch bereithielt. Seine Hand patschte auf das von seinem Schweiß durchtränkte Bettlaken. Diese Geräusche!
Mit aufgerissenen Augen, das Herz rasend, suchte er sich im Dunkel zu orientieren. Es musste mitten in der Nacht sein. Die Luft im Raum drückte herunter, begrub ihn mit dem Gewicht klatschnasser Wolldecken. Hinter der Wand am Kopfende des Bettes röchelte es. Oder war es in der Wand?
Ein Gedanke loderte auf wie ein Irrlicht in der Ferne. Jemand hatte ihn gewarnt.
Einer von ihnen ist hier. Er wird versuchen, dich zu töten.
Blind tastete er, fand einen Schalter. Das trübe Licht einer Nachttischlampe fiel auf kahle, fleckige Wände, einen rohen Tisch, einen Stuhl, ein hölzernes Gestell zum Trocknen der Wäsche. An der gegenüberliegenden Wand duckte sich ein Schrank.
Da drinnen lauerte jemand!
Für Sekunden hielt Leonard den Atem an. Nur eine Jacke über einem Bügel. Sein Blick wanderte zur Zimmertür. Darüber ein Oberlicht, schwarzes Rechteck, gähnende Dunkelheit dahinter. Neben der Tür ein Farbklecks, das Bild einer Tropeninsel: Visit Kusu Island. Rechts davon ein chinesischer Kalender, der behauptete, dies sei das Jahr des Hasen. Hinter dem Fenster, verdeckt von schmuddeligen Gardinen, hörte er hin und wieder ein Zischen. Wie Autoreifen auf Asphalt. Wo …?
Das Telegramm. Seine Eltern. Hotel. Singapur.
Die Hitze verklebte ihm die Lunge. Schlaff hing der Deckenventilator in der Halterung. Er meinte, ihn eingeschaltet zu haben. Keuchend wälzte er sich vom Bett, öffnete das Fenster. Ein nur eben wahrnehmbarer Luftzug strich über die Haut, ohne ihm Kühlung zu verschaffen. Drei Stock unter ihm schlief die Straße. Keine Bewegung, kein Laut, wie eine Fotografie, nur ein Abzug der Realität.

Vor Jahren war er mit seinem alten Peugeot nach Bristol gefahren, in der Nacht. Meilen vor der Stadt hielt er an und setzte sich an den Fahrbahnrand. In der Ferne das Glimmen der Lichter, reflektiert als rötlicher Schein von tief liegenden Wolken. Noch aus dieser Entfernung hörte er sie, die Stadt. Das Gemisch von Verkehrsgeräuschen, unzähligen Stimmen aus Kehlen und Lautsprechern, Musik, Maschinen. Verdichtet zu einem leisen, gleichbleibenden, über die Landschaft heranwehenden Ton. Ein urbanes Rauschen, das Brummen der Zivilisation.

Hier, in der fiebrigen Hitze, im Herzen von Singapur, rührte sich nichts. Die Nacht stieß nur einzelne, kurze Laute aus, Knacken, Zischen, abgehackt, ohne Ursprung, wie aus einer anderen Dimension. Er fühlte sich in einer Zwischenwelt gefangen, die alles, außer ihn, zur Bewegungslosigkeit verdammte. Die tote Straße, dunkles Pflaster, stumme Gebäude, kam ihm bekannt vor und gleichzeitig, als sehe er sie zum ersten Mal. Die Apotheke. Er glaubte, gestern diese Straße entlanggehetzt zu sein. Oder schon vor zwei Tagen? Was war in der Zwischenzeit geschehen?
Der überfallartige Kopfschmerz. Die alte Frau. Der Kerl im Schatten des Arkadenganges.
Etwas hatte die Neuronen in seinem Gehirn umgestöpselt. Die fehlgeleiteten Impulse erzeugten nur Fragmente, ohne Sinn. Er zog an einer von der Decke hängenden Strippe. Träge setzte sich der Ventilator in Bewegung. Es gab noch Leben in diesem Universum. Der Wirbel milderte die Hitze. Wehte ein Papier vom Nachtschränkchen, das dort zwischen seinem Pass, einem Flugticket und den Schlüsseln eines Mietwagens gelegen hatte. Das Telegramm! Sein Gedächtnis streikte, was die unmittelbare Zeit betraf. An die Stunde, in der er die Zeilen empfangen hatte, erinnerte er sich lebhaft.

Tiefer Winter. Mit Freunden hatte er Neujahr in Bristol verbracht. Eben nach London zurückgekehrt, blieb ihm gerade genug Zeit, Schal, Handschuhe und Jacke abzulegen. Stumm, mit sorgenvoller Miene überreichte Tante Audrey ihm den alarmgelben Streifen Papier. Telegramme setzte sie mit Todesmeldungen gleich. Gespannt wartete sie, flach atmend. Die Hände wie zum Gebet gefaltet, bereit, einen Schrei auszustoßen, sobald die schlechte Nachricht über seine Lippen kam. Leonards Hände begannen zu zittern und sie fühlte sich in ihrer Ahnung bestätigt.
Dringend. Stop. Treffen in Singapur. Stop. Hotel Old Empire, Kitchener Road. Stop. 6. Januar. Stop. Erwarte dort weitere Nachricht. Stop. Wir lieben dich. Stop.
Ohne die letzten Worte hätte das Telegramm Leonard zu einem Lachen verführt. Seine Eltern glaubten ernsthaft, diese simple Anweisung würde genügen. Dass er alles um sich herum vergaß und sofort nach Asien aufbrach. Ihre Beziehung zueinander verharrte auf der Stufe distanzierter Höflichkeit, Gefühle wurden in Worte gekleidet. Wo Gesten ausgereicht hätten, verfingen sich Martha und Evan in umständlichen Erklärungen. Und jetzt wollten sie ihn allein mit einem –Dringend- in ein Flugzeug locken. Vielleicht wussten sie eines ebenso gut wie Leonard selbst. In seinem Leben gab es nicht viel, das er hätte vergessen können. Aber es war der letzte, der einzige von Gefühl zeugende Teil der Nachricht, der ihn aufscheuchte, ihm befahl, die Abreise keine Minute hinauszuzögern.
Wir lieben dich.
Weil sie es nie schrieben, geschweige denn sagten. Seine Eltern liebten ihn. Auf eine verquere Art, die es ihnen unmöglich machte, diese Liebe auch auszudrücken. Was hatte sie veranlasst, ihm jetzt diese drei Worte zu schicken? Sie klangen wie ein Abschied!

Die Schwüle der Tropennacht ertrug er nur, wenn er sich nicht bewegte. Er sackte wieder auf das Bett. Wo waren die letzten Tage geblieben?
Es liegt an diesem Hotel, dachte er. An diesem Zimmer. Es hielt ihn gefangen, verzehrte ihn, fraß seine Erinnerung. Mühsam fischte er Bruchstücke aus den Tiefen seines Gedächtnisses.

Der Tag, an dem er in Singapur gelandet war. Der Nacken des chinesischen Taxifahrers. Der Rückspiegel, in dem der Ankunftsterminal des Changi Airports immer kleiner wurde.
„Sind Sie wegen Thaipusam gekommen?“, fragte der Fahrer.
„Nein. Ich treffe hier meine Eltern.“
„Aber das müssen Sie sehen. Ziemliches Spektakel. Thaipusam in Singapur ist einzigartig. Sind verrückt, die Inder.“
Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Sie haben hoffentlich ein Zimmer. Während des Festes finden Sie nirgendwo ein freies Bett.“
„Old Empire. Kitchener Road.“
Besorgniserregend verzog der Fahrer die Mundwinkel.
Wu Ji. Nicht gut. Kein gutes Hotel.“
„Was ist damit?“
Plötzlich huschte das Taxi in den Schatten einer Brücke. Das Gesicht des Fahrers verdunkelte sich, in seiner Stimme vibrierte Angst.
„Gehen Sie nicht dorthin. Nehmen Sie ein anderes.“
„Zu spät. Das Zimmer ist gebucht. Außerdem ist doch dieses Thaipu-Fest.“
Nervös befingerte der Chinese ein Amulett, das an seinem Hals hing, sah sich verstohlen um, als beobachte sie jemand.
„Es ist ein altes Haus“, flüsterte er, „sehr alt. Viele Geschichten. Unglückliche Geschichten. Das Haus hat sie behalten. Sie sind noch dort, in den Zimmern.“
Spöttisch lächelnd lehnte sich Leonard vor.
„Falls das ein Spielchen ist, um Touristen zu erschrecken. Damit haben Sie bei mir keine Chance.“
Die Finger des Chinesen umkrampften das Amulett. Abrupt wandte er sich um.
„Es ist Ihre Entscheidung. Aber lassen Sie sich auf keinen Fall das Zimmer 300 geben.“
Vergeblich wartete Leonard auf eine Erklärung. Wieder auf den Verkehr konzentriert schwieg der Fahrer beharrlich.
„Also nicht das Zimmer 300?“, versuchte Leonard es noch einmal.
Keine Antwort. Es war, als sei er für den Chinesen nicht mehr vorhanden. Nach einer Weile hörte Leonard ihn vor sich hin murmeln. „300. Wu Ji. Kein Glück.“

Die restliche Fahrt war aus dem Gedächtnis gelöscht. Nahtlos fügte sich das Bild der düsteren Eingangshalle des Old Empire-Hotels an. Knarrend schwang die hölzerne Tür zurück in den Rahmen und verbannte die Welt der Töne nach draußen. Um ihn herum breitete sich die Stille einer Gruft aus. Selbst die vier Ventilatoren an der Decke flüsterten mit ihren Flügeln. In der schmucklosen Halle verlor sich ein dicker, niedriger Rotholztisch. Zwei Ledersessel leisteten ihm Gesellschaft, die Haut rissig wie die von Hundertjährigen. In dieser geisterhaften Atmosphäre hielt Leonard den alten Chinesen hinter der Rezeption im ersten Moment für tot. Zusammengekrumpelt lag der Mann auf einem Rattanstuhl, von dem wuchtigen Teakholz-Tresen halb verdeckt. Leonard stellte seine Tasche ab. Vom Geräusch geweckt sprang der alte Chinese behende aus seinem Stuhl.
„Mister Finney. Mister Finney“, krächzte er lachend. „Ah, Mister Finney.“
Wenn er sofort wusste, wer vor ihm stand, dachte Leonard, stiegen hier nur selten Ausländer ab. Der Chinese schob ihm ein zerfleddertes Buch zu.
„Bitte schreiben hier, ja, ja.“
Leonard trug seinen Namen, Datum und die Passnummer in die letzte Zeile ein. Seine Schrift stach befremdlich hervor aus all dem übrigen Gekrakel. Wie vermutet, wohnten hier ausschließlich Chinesen. Oder hatten gewohnt. Den letzten Eintrag versah ein Datum, das über sieben Jahre zurücklag. Unglückliche Geschichten. Der Alte legte einen Zimmerschlüssel auf den Tresen. 301.
„Sie wegen Thaipusam kommen. Ja, ja.“
„Nein, ich …“
Mit hypnotischer Kraft nahm das Schlüsselbord hinter dem Tresen Leonard gefangen. Obwohl es sich durch nichts von den anderen unterschied, leuchtete das Fach Nummer 300 wie eine Signalrakete. Die Augen des Alten folgten denen Leonards.
„300. Für andere Finney. Kommen morgen“, lachte er.
Seine Eltern wollten sich also auch hier einquartieren. Die Angst in der Stimme des Taxifahrers drängte sich Leonard auf. Es steckte sicher abergläubischer Unfug dahinter. Trotzdem mahnte es ihn zur Vorsicht.
„Entschuldigen Sie. Könnten Sie meinen Eltern ein anderes Zimmer geben?“
Der Chinese grinste, ohne eine Reaktion zu zeigen. Englisch verstand er noch schlechter, als er es sprach.
„Andere Finney. Anderes Zimmer“, sagte Leonard.
„Oh. Kein andere Zimmer. Thaipusam, ja, ja“, lautete die Antwort.
Noch einmal kontrollierte Leonard das Gästebuch. Mit einer raschen Bewegung zog der Alte es zu sich heran und verstaute es in einer Schublade.
„Alle voll.“
„Wu Ji“, sagte Leonard leise. Schlagartig veränderte sich der Gesichtsausdruck des Chinesen, als hätte Leonard ein Verbot übertreten. Seine Stimme klang hinterhältig.
„Was sagen?“
„Vergessen Sie´s“, wiegelte Leonard ab. „Sind die Zimmer gleich?“
Der Chinese nickte. „Ja, ja. Alle same-same.
Nach tage- oder wochenlangem Geschaukel auf See wollten sich Martha und Evan wohl eine ruhige Nacht an Land gönnen. Egal, was an dem Zimmer faul war; sie sollten sich nicht damit rumschlagen. Er zeigte auf den Schlüssel 301, der vor ihm auf dem Tresen lag.
„Geben Sie dies meinen Eltern. Ich nehme die 300.“

Mehr gab sein Gedächtnis nicht her. Er lag im Zimmer 300. Leonard starrte auf den rotierenden Propeller an der Decke. In einer Ecke knackte es. Durch eine Wand drang ein Ächzen, als litte jemand unter schwerer Atemnot. Nie war ihm außer dem Portier ein lebendes Wesen begegnet. Was verursachte dann diese Geräusche? Sie kamen nur nachts. Plötzlich sauste er in die Höhe.
„Mein Gott!“
Ein Schlaglicht fuhr grell bis in den hintersten Winkel seines Gehirns. Samstagnacht! Seit Tagen dämmerte er bereits in dieser schrecklichen Kammer! Und bislang kein Zeichen seiner Eltern. Sie hätten längst hier sein, ihn kontaktieren müssen. Ein lautes Ratschen erschreckte ihn. Es war hier drin, im Zimmer. Aber kein Gegenstand in diesem Raum konnte ein solches Geräusch erzeugen. Wieder der Ton, wie ein Messer, das über ein Metallgitter fuhr. Links von ihm. Ratsch. Unter dem Nachtschränkchen. Um darunter zu sehen, musste er aus dem Bett steigen und sich flach auf den Boden legen. Den Kopf zur Seite gedreht presste er die Wange auf die Fliesen und entdeckte unter dem Schränkchen das Ding, das diesen Ton verursachte. Ein Telefon. Anscheinend klemmte der Klingelmechanismus. Unaufhörlich gab der Apparat nur dieses Ratschen von sich. Warum versteckte man ihn unter dem Schrank?
Er zog das Telefon hervor und nahm den Hörer ab. Vielleicht seine Eltern. In der Leitung summte es.
„Hallo?“
Das Summen wurde von Knistern überlagert, wie winzige Füße über feinem Sand. Es raschelte wie etwas Insektenartiges, das in der Leitung herumkroch, sich mit tastenden Fühlern anschlich. Leonard überkam die Vorstellung, es könne herauskrabbeln und sich in seinem Ohr einnisten. Unwillkürlich streckte er die Hand mit dem Hörer vom Körper weg. Die Geräusche erstarben und er legte auf. Die dumpfe Stille sickerte wieder ein, nach dieser kurzen Unterbrechung noch beklemmender, feindselig. Erneut schnarrte der Apparat. Wie ein Stromschlag jagte der Ton durch Leonards Gehör. Dieses Mal meldete sich matt der alte Chinese von der Rezeption.
„Anruf, bitte, Mister Finney. Pathom. Pathom. Ich verbinden.“
Ein Summen folgte. Eine dünne Stimme. Unverständlich.
„Hallo? Wer ist da? Finney hier“, rief Leonard.
Es knackte laut, schmerzhaft, und er vernahm die Worte eines Mannes.
„Hier ist Doktor Pathom. Evan? Bist du es?“
Überraschung versiegelte Leonards Lippen, hinderte ihn an einer Reaktion. Verzerrt durch Rauschen und Knistern leierte die Stimme des Mannes wie eine Grammophonplatte.
„Herrgott, Evan, bin ich froh, dass ihr wohlauf seid. Und ich hoffe, ihr habt meinen Rat befolgt und euren Sohn da rausgehalten. Er darf es nicht erfahren. Um seiner Seele willen. Hör zu, es ist … passiert, und …“
In einem Stakkato von knackenden Lauten ging der Rest des Satzes unter.
„Verdammter Mist“, fluchte Leonard. „Hallo? Mister Pathom? Hier ist Leonard. Leonard Finney. Was ist mit meinen Eltern?“
Rauschen, gefolgt von tödlicher Stille. Nach einem erneuten Knacken wieder die Stimme, wie durch ein Kissen gepresst.
„Ich verstehe nicht. Die Leitung ist grauenvoll. Wir müssen uns treffen, Evan. Morgen Abend, in der Thomson Road, vor dem … Krack … Der andere Treffpunkt ist nicht mehr sicher.“
Das Knacken nahm bedrohliche Ausmaße an.
„Und passt auf euch auf.“
Die Leitung brach zusammen. Kurz erklang das Freizeichen, schließlich verstummte auch dieser Ton. Ein Sturm an Fragen fegte über Leonard hinweg. Eine blieb hängen, drängte sich unheilvoll in den Vordergrund. Martha und Evan schipperten als Pensionäre über die Weltmeere.
Warum brauchten sie einen sicheren Treffpunkt?

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s