Das Hotel

Wo die Schatten wohnen

HauntedHotel, Auge der Dunkelheit, Daniel DekkardIch fang mal harmlos an, um zu zeigen, mit welchen Merkwürdigkeiten Asien bisweilen aufwartet. Auf einer meiner früheren Reisen kam ich nach Melaka in Malaysia. Jemand empfahl mir eine günstige und gute Unterkunft, Sunny´s Inn. Sie befand sich im ersten Stock eines Gebäudes. Man ging eine Stiege hinauf und stand dann unvermittelt im Aufenthaltsraum dieses Gasthauses. Dort, vor einem niedrigen Couchtisch, kniete eine junge Frau und schrieb Postkarten. Ihr Freund lag ausgestreckt auf dem Sofa und brachte mit ein paar Faxen ein dreijähriges, malaiisches Mädchen zum Lachen. Es war die jüngste Tochter des Gasthausbesitzers, wie sich später herausstellte. Ich wollte nur wenige Tage in Melaka bleiben. Daraus wurden zwölf! Sunny´s Inn besaß die Eigenart, einen nicht so schnell aus seinem Bannkreis zu entlassen. Mit mir hielten sich dort insgesamt sieben Gäste auf. Bei allen war es das Gleiche. Jeder hatte nur einen kurzen Aufenthalt geplant und bei jedem verzögerte sich die Abreise ohne äußeren Grund. Jemand nannte die Unterkunft mal Sunny´s timewarp Inn. Übersetzt etwa: Sunnys Zeitschleifen-Gasthaus. Es schien unmöglich, von dort zu entkommen.
Mit nur 9 zusätzlichen Tagen gelang es mir als ersten. Drei Jahre später kehrte ich zufällig nach Melaka zurück und ging wieder ins Sunny´s Inn. Ich stiefelte die Stiege hinauf und stand, wie damals, unvermittelt im Aufenthaltsraum. Es hatte sich nichts geändert. Und vor dem niedrigen Couchtisch saß eine junge Frau und schrieb Postkarten! Ihr Freund lag auf dem Sofa und machte Faxen mit einem dreijährigen, malaiischen Mädchen! Es war dasselbe Paar wie vor drei Jahren, in exakt derselben Haltung, in exakt dieselben Tätigkeiten vertieft. Bei so etwas gerät dann schon kurz das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung ins Wanken. Ich brauchte eine Weile, um mich zu vergewissern, dass ich keiner Illusion aufsaß. Das Paar existierte. Der Weg der beiden führte nach all der Zeit ebenfalls wieder nach Melaka. Nur das kleine Mädchen war ein anderes. Geboren im Jahr meines ersten Aufenthaltes war es nun die jüngste Tochter des Gasthausbesitzers. Dennoch: Mit dem Wort Zufall lässt sich nur schwer erklären, wie man zum zweiten Mal im Abstand von drei Jahren in eine Szenerie gerät, die sich durch nichts von der ersten unterscheidet.

Aber nun auf nach Singapur. In dieser Stadt beginnt das tödliche Rennen, in das mein Protagonist Leonard Finney im „Auge der Dunkelheit“ verstrickt wird. Eine Warnung ignorierend steigt er dort in einem Hotel ab, das ein sonderbares Eigenleben führt. Es ist voll körperloser Schatten und Geräuschen ohne Ursache. Außer dem alten, chinesischen Portier begegnet ihm dort kein Mensch. Für eine Zeit ist er der Gefangene eines unheimlichen Gemäuers.
Singapur ist eine moderne Großstadt. Wer sich hier nur kurz aufhält, kommt nie auf die Idee, unter der glitzernden Oberfläche verberge sich noch etwas anderes. Etwas Absonderliches, schwer oder gar nicht deutbares. Doch das täuscht. Mein Hotel lag, wie das von Leonard Finney, in der Nähe des alten Malayenviertels. Der Portier dort wurde nicht müde, mir Schauergeschichten zu erzählen. Von Geistern heimgesucht, so sagte er, sei in diesem Hotel nur ein Zimmer. Was genau dort vor sich ging, konnte niemand sagen. Schon vor fast zehn Jahren hatte die Hotelleitung ihrem Personal untersagt, dieses Zimmer an Gäste zu vergeben. Seitdem bewohnte es niemand mehr und es wurde nur sporadisch, tagsüber natürlich, von Staub befreit. Einmal jedoch tauchten drei Studenten aus Tokio auf. Wegen des chinesischen Neujahrfestes war in der ganzen Stadt kein Zimmer mehr zu bekommen. Die Studenten hatten es bereits seit zwei Stunden versucht, ohne Erfolg. Aus Mitleid sagte der Portier, er habe noch ein Zimmer, aber dort spuke es. Die Typen aus Tokio lachten den Mann aus, bezahlten und zogen ein. Gegen zwei Uhr nachts flohen die drei kreischend und kreidebleich, noch in ihren Schlafanzügen, auf die Straße. Sie wagten nicht einmal auszusprechen, WAS dort oben passiert war. Ein Zeuge bestätigte mir diesen Vorfall. Und Singapur ist voll von solchen Sachen. Diese ambitionierten Jungs hier wissen Bescheid: SPI

In den fünf Nächten meines Aufenthaltes dort wurde ich von derart erschreckenden Ereignissen verschont. Erst später und in einer ganz anderen Ecke Asiens verwickelte es mich in eine absurde Episode, in der ebenfalls ein Hotel die maßgebliche Rolle spielte. Auf dieses Erlebnis spielt die Kurzgeschichte „Am großen Blumenfluss an.

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