3 Monate ohne Sex

Lara

 

„Outtakes“ bezeichnet in der Film- und Fernseh-Produktion Sequenzen, bei denen etwas schief gegangen ist. Die Schauspieler versprechen sich oder vergessen den Text, Requisiten zeigen sich widerspenstig und reagieren nicht wie beabsichtigt, ein plötzlicher Gewitterschauer platzt dazwischen und dergleichen. Aber selbst gelungene Szenen, nach Drehbuch gefilmt, schaffen es manchmal nicht in die Endfassung der Produktion. Später beim Schnitt stellt sich heraus, dass sie nicht mehr in das Gesamtbild passen. Diese Art von Outtakes gibt es auch beim Schreiben. Sie entstehen im Eifer des Gefechtes, im Wunsch, eine Episode näher zu erläutern oder im Glauben, sie seien für das Verständnis der Figuren und der Situation, in der sie sich befinden, erforderlich.

Der folgende Absatz saß ursprünglich im zweiten Kapitel „Im Bett verheddert“ zwischen diesen beiden Sätzen:

Das letzte, was ich geküsst hatte, war der Lippenabdruck eines Mädels auf der Dose Cola, die ich mit ihr teilte. (…) Dichter an Sex kam ich in den letzten drei Monaten nicht ran und das zog gewaltig im Schritt.

(… Lara, BWL-Studentin. Sie erzählte, sie wünsche sich einen guten Job, einen adretten Mann und zwei Kinder. Sie sagte wirklich „adrett“. Ihrem Geplapper nach ordnete ich sie, wie alle BWL-Studentinnen, in die Rubrik -staubtrocken- ein. Irrtum. Zu meiner Überraschung nahm mich Lara mit in ihre Bude. Vielleicht irrte sie auch und ordnete mich in die Rubrik -adrett- ein. Auf dem Bett sitzend packte sie als Vorspiel eine Prise Dope aus. Ebenso wie zuvor Miss BWL unterschätzte ich das Zeug. Mit Wucht krachte es auf meinen Neocortex und ich vergaß komplett, Lara an die Wäsche zu gehen. Am nächsten Morgen, sie setzte an, mit einem beherzten Griff an mein Spielzeug das Versäumte nachzuholen, platzte ein Ungetüm ins Zimmer, dessen Muskelmasse die Sonne verdunkelte. Laras älterer Bruder, Reisebegleiter und erklärter Beschützer. Seine Kraftpakete türmten sich vor dem Bett auf in der Absicht, handgreiflich Schwesterchens Unschuld zu verteidigen, worin diese auch immer bestehen mochte. Meine Morgenlatte verzog sich mit der Geschwindigkeit eines Wimpernschlags. Die Klamotten zu greifen und der drohenden Prügel durch instinktive Flucht zu entgehen, brauchte nicht viel länger. …)

 Ich wollte damit Daniels sexuelle Nöte verdeutlichen und dass er an diesem Punkt zu keiner besonders imponierenden Leistung fähig ist. Einfach, weil er ZU geil ist. Beim zweiten Durchlesen kam mir die Szene nicht nur entbehrlich, sondern sogar störend vor. Sie erreichte genau das Gegenteil meiner Absicht und verwässerte das Bild nur. Aus einem klaren Grund: Sie enthält keine zusätzlichen, wichtigen Informationen.

Die beiden Sätze …

Das letzte, was ich geküsst hatte, war der Lippenabdruck eines Mädels auf der Dose Cola, die ich mit ihr teilte. Dichter an Sex kam ich in den letzten drei Monaten nicht ran und das zog gewaltig im Schritt.

… machen alles klar. Ohne 19 Zeilen dazwischen zu schieben.

Ich fand die Lara-Episode witzig. Aber der Komödien-Regisseur Billy Wilder sagte, manchmal müsse man Einfälle streichen, um die Sache insgesamt runder zu machen. Und wenn sie einem noch so gut gefallen. „Kill your darlings.“ nannte er das. Zumindest das auf den Neocortex krachende Dope hat sich in das Kapitel 5 „Im Bett verheddert – Part II“ gerettet.

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