Einfallslose Filmdialoge

Die Komm-schon-Filmschnipsel-Sammlung

Die Figur Davin stellt dem Protagonisten Daniel im Kapitel „Freddy´s ready“ die Frage:  „Weißt du, welcher Ausdruck in Filmen am häufigsten vorkommt?“ Kurz darauf erwähnt er eine Sammlung von Filmschnipseln, die er angelegt hat. Seine hier aufgeführte Einteilung in Kategorien fehlt im Roman. Wär einen Tick zu lang geraten.

***

„Was hört man am häufigsten in Filmen?“ – `Ich liebe dich´? – `Wo waren Sie gestern zwischen 10 und 11´? – `Das tut mir leid´?

Nein! Es ist „Komm schon!“ Obwohl die folgende Liste nahelegt, er würde nur in Filmen verwendet, die mindestens marginal unter dem Begriff Spannung einzusortieren sind, findet man ihn auch über alle anderen Genres verstreut. Ich behaupte, dass der Ausspruch „Komm schon“ in mindestens 60 Prozent aller jemals produzierten Filme enthalten ist. Wenn „Komm schon!“ in einem Film bereits verbraucht wurde, wird es gerne durch „Mach schon!“ ersetzt. Folgende Situationen werden stets mit einem „Komm schon!“ gewürzt:

Jemand versucht, aus einer gefährlichen Lage zu entkommen und das Auto springt nicht an.

Wahlweise auch Kleinflugzeug, Boot, Motorrad, Lokomotive, Raumschiffe. Ebenso Waffen mit Ladehemmung, eigentlich Geräte jeder Art, die funktionieren müssen, um schlimmstes zu verhindern, es aber nicht tun. Jedenfalls nicht gleich. Geht auch umgekehrt: Geräte AUSSCHALTEN, um schlimmstes zu verhindern, eine Bombe entschärfen etwa.

Jemand gerät in eine gefährliche Lage.

Speziell in einem Fortbewegungsmittel mit Verbrennungsmotor. Tank ist leer, einer oder mehrere Reifen platzen. Konsequenz: Verfolger holen auf oder das Fahrzeug droht, mitten in einer Gefahrenzone liegenzubleiben. Auf Bahnschienen mit sich rasant näherndem Güterzug, der immer voll beladen ist mit Explosivstoffen. Oder auf Hängebrücken mit deutlich zu geringer Tragfähigkeit, auf einem Atombombentestgelände 20 Sekunden vor einem Atombombentest. Aussteigen und das Fahrzeug verlassen stellt in diesen Situationen nie eine Option dar! Ein kräftig herausgeschleudertes „Komm schon!“ reicht.

Beim allgemeinen Gebrauch von Fahrzeugen aller Art.

Wenn diese sich weigern, aufgrund des Unvermögens des Lenkers oder technischer Mängel lebenswichtige Manöver unverzüglich auszuführen, wie:

a) Ausweichen/Bremsen/Beschleunigen (alle Land- Luft- und Wasserfahrzeuge)

b) Bei fliegenden Objekten zusätzlich noch Hochziehen, wenn sie direkt auf Hindernisse zurasen.

c) Auftauchen (U-Boote).

d) wenn Autos und Motorräder, seltener ganze Personen-oder Güterzüge, gefälligst noch etwas weiterfliegen sollen, weil sie sich über einem Abgrund befinden. Oder sich direkt unter ihnen etwas befindet, das naturgemäß zur Landung wenig geeignet sind. Brennende Öllachen, Treibsand, Schulkinder.

Jemand muss dringend ein Handy benutzen.

Aber: kein Netz, Batterie leer, nie eine Stromquelle in der Nähe. Oder, falls wider Erwarten doch beides vorhanden, hat der Empfänger seines abgeschaltet, irgendwo liegen gelassen, quatscht sich gerade mit Mutter den Wolf oder die Leitung ist anderweitig besetzt. Geht auch, inzwischen seltener, mit Festnetztelefonen, Funkgeräten.

Jemand muss ebenso dringend einen Computer benutzen.

Wobei das so gut wie nie der eigene ist und man immer unmittelbare Gefahr läuft, vom rechtmäßigen Besitzer erwischt zu werden. Wie beim Handy, hier zusätzlich noch: Das Hochfahren der Mühle (in schicken Filmen Mac, sonst Windows-Rechner) oder das Herunterladen von Dateien dauert ewig lange, die ersten zwei der völlig ins Blaue geschossenen Passwörter stimmen nicht, beim Ausdrucken fehlt Papier. (Interessant hierbei ist die Tatsache, dass zum Kopieren von Daten stets ein CD-Rohling oder ein USB-Stick zur Hand ist, und da ist IMMER noch ausreichend Platz drauf.)

Diese Steigerung hat es tatsächlich noch nie gegeben: Ich breche irgendwo ein, Gefahr, dabei von einem Zeugen erwischt zu werden, dann droht der rechtmäßige Besitzer in Kürze aufzutauchen, das Hochfahren der Mühle dauert ewig lange, erstmal kein wlan, dann doch, das richtige Passwort zu finden ist knifflig, klappt aber, die Dateien zu finden ebenso, das Drucken unmöglich, weil Papier fehlt, in letzter Sekunde einen CD-Rohling oder USB-Stick finden und DER ist dann voll! Oder funktionsuntauglich.

Nachzügler müssen zur Eile aufgefordert werden beim Herannahen einer Gefahr.

Lava, Taifune, Flutwellen, Zombies, Wildtiere, bewaffnete, auf jeden Fall aber übel gelaunte Verfolger, zurückkehrende Haus/Wohnungsbesitzer, in deren Eigentum man eingedrungen ist, Aliens. Aber auch Eltern, die einen beim Kiffen erwischen könnten. Oder beim Vögeln mit Jungen/Mädchen, die sie echt nicht leiden können.

Dazu noch: Müssen Zug, Bus, Schiff, Flugzeug, Auto noch rechtzeitig erwischen. Oder verlassen, je nachdem.

Personen warnen oder zur Eile auffordern.

Die einen aber unter gar keinen Umständen hören oder verstehen können. Immer, wenn man selbst zur Passivität verdammt ist. Räumliche Distanz, Bewegungsunfähigkeit, manchmal Sprachbarrieren.

Eine Person muss zu einer Leistung angestachelt werden.

Sport oder andere Wettbewerbe, bei denen der mit „Komm schon!“ bedachte Protagonist kurz vor dem Scheitern steht, durch diese Floskel aber prompt zu einer übernatürlichen Höchstleistung aufläuft.

Beim Einsatz von Flugkörpern.

Pfeile, Lanzen, Steine, Bumerangs, Mittelstreckenraketen, Bälle, etc. Alles, was unbedingt ein bestimmtes Ziel treffen muss, partout aber erstmal nicht die vorbestimmte Flugbahn einhalten will. Gibt es auch mit beweglichen Objekten zu Land und im oder auf dem Wasser.

Als geflüsterte Aufforderung.

Gerichtet an Antagonisten, gefälligst in eine vorbereitete Falle zu tappen. Vorzugsweise bei aggressiven und gleichzeitig erstaunlich cleveren Wildtieren, extrem widerstandsfähigen Monstern oder Aliens.

Im übrigen einer der wenigen „Komm schon!“-Momente, die nicht funktionieren. Man hat schon etliche gescheiterte Versuche hinter sich, die leidigen Biester ins Jenseits zu schicken. Und die Falle stellt die scheinbar letzte Option dar. Alles wird IMMER minutiös vorbereitet, aber NIE tappen die da rein. Die „Komm-schon“-Falle ist immer der vorletzte Versuch, der alles nur noch schlimmer macht. Anschließend entdeckt man irgendeinen herbeigeholten, vorher komplett ignorierten Schwachpunkt des Gegners. Und zack, weg ist das Vieh.

Als Anregung, mal etwas schneller zu denken.

Wenn total dringend eine bestimmte Information gebraucht wird, und dem einzigen, der es wissen könnte, die Lösung nicht sofort einfallen will. Die Aufforderung: „Komm schon!“ hilft IMMER auf die Sprünge.

Beim Öffnen oder Verriegeln von Schlössern.

Um zu verhindern, dass einen der vorzeitige Tod oder sonstiges Ungemach ereilt. Türen, wahlweise rein oder raus, mit oder ohne Schlüssel, Behälter, in denen sich Gegenstände zur Selbstverteidigung befinden, Fenster, Bodenluken, Bullaugen/Schotten bei sinkenden Schiffen. Auch beim Öffnen anderer Gegenstände, Fallschirme etwa, wenn das zum Überleben unabdingbar erforderlich ist.

Zur Überwindung körperlicher Handicaps.

Der Held läuft 85 Minuten mit einem gelähmten Arm herum, braucht dann aber im entscheidenden Moment ZWEI kräftige Hände. Geht mit fast allen Körperteilen und Funktionen wie Beinen, Augen, Ohren, Fassungsvermögen der Lunge, Herzfrequenz, Adrenalin-Spiegel.

Als Aufforderung, einem Glauben zu schenken.

Immer dann, wenn der Held mit einer total unglaubwürdigen Story aufwartet und auf die Hilfe eines Super-Skeptikers angewiesen ist. Der obendrein den Helden aus dramaturgischen Gründen für einen Totalspinner hält. Oft bei falscher Mordanklage, sich ausschließlich für den Helden ankündigende, weltumspannende Verschwörungen, Landung von Außerirdischen, Naturkatastrophen.

Trainierte oder anderweitig hochbegabte Tiere anspornen.

Die dann natürlich trotzdem nicht sofort schnallen, was sie tun sollen. Sowohl bei Wettbewerben als auch in allen erdenklichen Gefahrenmomenten.

Aus dem Knast entkommen müssen: „Bring mir die Schlüssel, Hasso!“

In der Klemme stecken, wie Gletscherspalten, unter umgestürzten Bäumen, gefesselt auf Bahnschienen: „Hol Hilfe.“

Eine solche Situation noch verschärft durch den Angriff monströser Wesen wie Würgeschlangen, Löwen, Drachen und sonstige Phantasie-Ungetüme: „Mach ihn alle, Fuffi!“

Dabei geht die Aufforderung nicht selten an völlig unterlegene Haustiere wie Yorkshire-Terrier, die ein vollmundiges „Komm schon!“ in rasende Bestien verwandelt.

Um einen Gegner zu reizen.

Meist ausgesprochen von einer Person in einer völlig ausweglosen Situation, gefesselt, Mündung einer Waffe an der Stirn. Dem „Komm schon! Drück doch ab!“ folgt in der Regel eine total überraschende und jeder Logik entbehrende Wende, die den Protagonisten aus der misslichen Lage befreit. Eine Variante darauf gibt es in religiös motivierten Filmen. Dort werden, oft mit dem Zusatz – „Mehr hast du nicht drauf!“ – Naturgewalten herausgefordert. Oder Götter und Dämonen unterschiedlicher Religionen oder deren irdische Stellvertreter wie Käpt´n Ahabs weißer Wal. Die dann in der Regel auch prompt und unerwartet heftig reagieren!

Inständig hoffen.

Bei Wetten und Spielen aller Art. Pferderennen, Roulette, auch russisches, Bingo, die Ziehung der Lottozahlen. Wird auch angewendet in der Hoffnung, ein bestimmtes Ereignis oder eine Person möge eintreffen, stets bar jeder Wahrscheinlichkeit. Asteroiden, denen das Bombardement mit dem gesamten Nuklear-Arsenal der Erde nichts anhaben konnte, zerplatzen kurz vor Eintritt in die Atmosphäre. Pyroklastische Ströme, die ganze Berghänge versengt haben, lösen sich Zentimeter vor dem gerade abbezahlten Eigenheim in Luft auf. In Flugzeugen, bei denen die Piloten außer Gefecht gesetzt, alle Turbinen ausgefallen und die Seitenruder zerfetzt sind, meldet sich auf die verzweifelte Anfrage („Irgendjemand muss das Teil runterbringen!“) IMMER ein Hobbyflieger. Alle Varianten von alltäglichen bis zu globalen Katastrophen können abgewendet werden, wenn einer der Anwesenden „Komm schon!“ sagt.

Im Grunde aussichtsloses Herbeisehnen eines Ereignisses.

Wie beim blinden Erraten von Passwörtern muss jemand im letzten Moment auf die entscheidende Lösung kommen. Immer stehen dabei blutige Laien vor einem Problem, das selbst im entsprechenden Fachgebiet ausgebildete Könner kaum lösen könnten. Führt besonders beim Bedienen außerirdischer Technik zu erstaunlichen Resultaten.

Totgeglaubte ins Leben zurückholen.

Manchmal auch tatsächlich bereits im Nirvana befindliche Personen (seltener Tiere). Klappt aber ausschließlich bei Herz-oder Atem-Stillstand. Herzinfarkt, Überdosis oder sonstige Vergiftung, Unterversorgung mit lebenswichtigen Substanzen, Ertrinken, Ersticken. (Die beiden letzten finden gerne auch in einer absolut übertriebenen Variante in der Tiefsee bzw. im Weltall statt). Die lebensrettenden Maßnahmen beschränken sich auf die Verabreichung von Stromstößen, Adrenalinspritzen, Mund-zu-Mund-Beatmung und Herzmassage. Und natürlich ein herzhaftes „Komm schon!“ Es existiert eine Version in Situationen, wo die betreffende Person noch nicht klinisch tot ist, sondern gerade droht, über den Jordan zu gehen. Der berühmte Luftröhrenschnitt! Die Zutaten:

a) eine Person, die dabei ist zu ersticken. Weil die für die Atmung zuständigen Organe, Lunge, Nase und Mund, aus unterschiedlichen Gründen gerade ihren Dienst eingestellt haben.

b) zwei weitere Personen. Eine, die auf die geniale Idee mit dem Luftröhrenschnitt kommt. Nicht notgedrungen ein Arzt. So was wissen inzwischen auch Straßenkehrer. Und eine weitere Person, dafür zuständig, die für das Drama nötige Panik zu verbreiten.

c) eine rostige Nagelschere und die untere Hälfte einer Kugelschreiberhülle. Beides ist IMMER zur Hand!

Mehr als das und ein „Komm schon!“ braucht es nicht, um jemand mit zerquetschter Kehle, Halsdurchschuss oder anaphylaktischem Schock das Atmen zu erleichtern. Die Dramatik, klinisch Tote erwecken zu müssen, lässt sich prima mit dem Herannahen einer weiteren, x-beliebigen Gefahr erhöhen.

Kurioserweise, weil eigentlich naheliegend, nie bei Sex-Szenen!

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