Wahrheit und Schein

Die Dopey Jay´s

Eine zentrale Rolle in dem Roman spielt die Saigoner Bar des Iren Mat, die nur als das „Schwarze Loch“ bezeichnet wird. Wer eine Stammkneipe hat, erst recht, wenn es sich dabei um einen Irish Pub handelt, weiß, was damit gemeint ist. Die Bar sollte vier Stammgäste beherbergen. Zwielichtige, alte Kerle, die sich selbst, ihre wahre Identität verbergend, Jack, Jim, Joe und Jeff nannten. Weil sie in einer Tour kifften, hießen sie für die anderen nur die „Dopey Jay´s“. Sie saßen von mittags bis spät in der Nacht an einem Tisch und erzählten auf ihre eigene, komische Weise merkwürdige Anekdoten. Jeder von ihnen gab immer nur einen Satz von sich und so ging das reihum:

Die Sätze der vier klackerten um den Tisch wie umfallende Domino-Steine.
„Der Typ steigt also in sein Auto.“
„Brandneuer Landcruiser. Schwarz. Getönte Scheiben.“
„Fluppe lässig im Mundwinkel und dreht den Zündschlüssel um.“
„Ahnt natürlich nicht, dass die Karre mit ´ner Ladung C-4 verdrahtet ist.“
„Genug, um ein ganzes Haus in die Luft zu jagen.“
Pause.
„Und???“, fragte ich.
„´N Marder hat die Zündleitung durchgeknabbert. Hatte Scheißglück, der Typ.“

Diese Kurzepisoden sollten zwei Funktionen erfüllen. Einerseits illustrierten sie die unübersichtliche Masse an Informationen, denen sich der Protagonist Daniel ausgesetzt sieht. Und zum anderen die Unmöglichkeit, zu erfahren, was an die Geschichten dran ist. Sind sie wahr? Oder nur Gerüchte, von einem zum anderen weitergegeben, bis niemand mehr weiß, woher sie eigentlich stammen? Die vier kiffenden Kerle, die sie zum Besten gaben, machten die Sache noch suspekter. Niemand kannte ihre richtigen Namen oder wusste, was sie eigentlich in Saigon trieben. Auf diese Weise repräsentierten die Stories die anonyme Informationsflut im Internet-Zeitalter und die Tatsache, dass die Wahrheit in dieser Flut oft untergeht. Irgendwann weiß man einfach nicht mehr, was man glauben kann oder soll.

Nachdem ich ein grobes Raster für den Roman entworfen hatte, stellte ich fest, dass ich bereits einen umfangreichen Figurenstamm besaß. Deren eigene Episoden griffen ineinander und die „Dopeys Jay´s“ standen plötzlich etwas isoliert da. Ich konnte sie nicht mehr homogen in den Lauf der Geschichte einfügen. Und während des Schreibens entwickelte sich ungeplant eine andere Möglichkeit, mit der sich das Undurchschaubare, der Mix aus Wahrheit und Erfundenem, besser transportieren ließ. Gleichzeitig verband sich diese neue Methode eleganter mit der Hauptfigur. Deshalb erging es den „Dopey Jay´s“ wie Lara. Sie mussten dran glauben. Nur einmal, am Ende des Romans, werden sie kurz als Gag am Rande erwähnt.

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