Wege ins Paradies

Davin

 

Im ersten Teil des Romans leite ich einige Kapitel mit der Vorstellung von Figuren ein, die der Protagonist Daniel im Laufe des Geschehens kennenlernt. Als eine Art Ouvertüre. Ihr tieferer Sinn offenbart sich erst am Ende der Story. Vordergründig werden zunächst diese Figuren charakterisiert, wie Mat, der Barbesitzer, das Torpedoflittchen oder Ailinh, die Orchidee im Brennesselfeld. Nicht jede Figur taucht an so exponierter Stelle auf. Davin, der äußerst dramatisch in Daniels Leben eingreift, wollte ich jedoch unbedingt herausstellen. Seine Charakterisierung stand zunächst dem Kapitel „Kim beim Zungentraining“ vor:

Um Mitternacht. Spiritualität, dachte sich Davin, das konstatieren wir mal, ist ein Grundbedürfnis des Menschen, ein nicht von ihm selbst, sondern von einer höheren Macht initiiertes Prinzip. Allerdings ergeben sich dann, was die in den Religionen enthaltenden Heilsversprechen angeht, gewaltige Logikprobleme. Selbstverständlich nur, wenn das in Aussicht gestellte Paradies das Menschlein im irdischen Leben bei der Stange halten soll. Das hinduistische Prinzip der Wiedergeburt haut hinten und vorn nicht hin.
„Benehmt euch anständig. Wenn ihr euer Karma versaut, werdet ihr als Hund, Ratte oder Wurm wiedergeboren.“
Bis dahin okay, aber man merkt es ja nicht mal. Tiere sind sich ihrer Existenz nicht bewusst. Da kriechen keine Würmer jammernd durch den Matsch.
„Oh, Scheiße. Da hab ich das im vorherigen Leben aber wohl arg bunt getrieben. Hoffentlich werde ich im nächsten Leben ein Mensch. Wenigstens ein Kapuziner-Affe. Aber nicht einer in irgendeinem Labor.“
Und die Affen? Sitzen die beisammen und sagen sich: „Hey, wir sind ja schon ziemlich weit gekommen auf der Leiter. Nächste Stufe ist Mensch.“
Wie sieht anständiges Benehmen für Affen aus?
Da kam der große Affen-Prophet vom Baum herunter, in jeder Hand eine Kokosnuss-Schale. „Hier sind eure 10 Gebote. Nummer 1:
Fick keine nahen Verwandten. Das ist Scheiße für den Gen-Pool. Nummer 2: Klau keine Nüsse von Touristen.“
Und so weiter. Der untrennbar mit jedem moralischen Prinzip verbundene Murks wird gleich mitgeliefert. Allen voran der Zweifel.
„Hey, großer Affen-Prophet. Was ist erstrebenswert daran, Mensch zu werden?“
„Na, erstens kannst du dann dein Ebenbild im Spiegel erkennen.“
„Oh, wow, das bringt´s!“
„Und dann kriegst du einen opponierbaren Daumen. Das macht das Abfeuern einer Waffe wesentlich einfacher.“
Die orientalischen Religionen besitzen ein ähnlich fummeliges Konzept. Es belohnt für ein gottgefälliges Dasein und man darf auffahren ins Paradies. Leider gibt es einen ganzen Katalog an unterschiedlichen Vorschriften, wie dieses Dasein aussehen soll. Worin seltsame Dinge enthalten sind wie: „Kein Schweinefleisch essen.“ – „Mit einem vor die Stirn geschnallten Kästchen an einer Mauer herumwippen“, oder „Die Auferstehung des Messias jedes Jahr an einem anderen Tag feiern, abhängig davon, wo der erste Frühjahrs-Vollmond hängt.“
Verworren wird die Sache durch das, was mit Erbsünde bezeichnet wird. Vielen Dank, Adam und Eva. Seitdem wird jeder Mensch in Schuld geboren. Jeder! Auch die zig Millionen oder Milliarden, die gelebt haben und gestorben sind, BEVOR der von Gott Gesandte mit dieser Idee auf der Bildfläche erschien. Denn da besteht eben diese vertrackte Diskrepanz auf der zeitlichen Ebene zwischen der Genesis und dem wissenschaftlich errechneten Alter des Planeten Erde. Da hängen eine Menge Leute in ihren Gräbern, die am Jüngsten Gericht auf die Anklagebank gezogen werden. Und auf einmal feststellen, dass sie schuldbeladen sind. Wie führt man ein gottgefälliges Leben, wenn man noch nie von dem alten, weißbärtigen Sack gehört hat, der das Universum regiert?
Für alle danach Geborenen gibt es ein Gegenmittel, das allerdings hinsichtlich der moralischen Implikationen nicht weniger delikat ist. Die Reue. Bereue ernsthaft, und dir wird vergeben. Man kann sich die Sporttasche mit Daddys Kanonen vollstopfen und Amok laufen. Vorzugsweise an Schulen oder religiösen Institutionen Andersgläubiger. 26 Tote? Kein Problem.
„Oh, Mist. Das tut mir echt leid. Soll nicht wieder vorkommen.“
Und rauf mit dir ins Paradies.
Aber der Buddhismus hält den Knüller bereit: „Benimm dich anständig im Leben und du wirst belohnt mit: dem absoluten Nichts.“
Präziser geht´s kaum. Es ist die einzige Religion, die, wenigstens orthodox ausgelegt, ohne jeden Gott auskommt. Und deren Idee vom Kreislauf des Lebens den physikalischen Gesetzen der Energie-Transformation frappant nahe kommt.An diesem Punkt von Davins Theorie ertönte das PING der Mikrowelle. Endlich! Sein Magen hing aber auch schon schwer durch.

Diese Einleitung habe ich erst relativ spät in der Korrekturphase wieder entfernt. Zum einen, weil sich hier der gleiche Effekt wie bei der Lara-Episode einstellte. Ich war einfach zu verliebt in den Gag, dass sich jemand, wenn auch salopp, Gedanken über ein Grundbedürfnis der menschlichen Seele macht. Während er gleichzeitig darauf wartet, ein äußerst profanes Verlangen, den Hunger, zu befriedigen. Der Hauptgrund, letztlich darauf zu verzichten, lag woanders. Inhaltlich wirft sie zwar ein Schlaglicht auf das Grundthema des Romans. Aber die Beschreibung zielt am Charakter Davins vorbei. Und in Erzählungen ist es wie im richtigen Leben. Der erste Eindruck macht die Musik. Lernen wir jemanden kennen, der sich furchtbar daneben benimmt, ordnen wir ihn in die Kategorie „Arschloch“ ein. Selbst wenn er sich in der Folge als einfühlsam, großzügig und aufgeschlossen erweist. Er wird es schwer haben, uns von dem einmal gefällten Urteil abzubringen. Deswegen ist Vorsicht geboten, auf welche Weise die Figuren dem Leser vorgestellt werden. Denn auch er fällt ein Urteil. Hier trifft er auf einen hemdsärmeligen Typen. Eine Funktion, die Davin in der Story nicht erfüllen sollte. Er tritt in einer Reihe von Szenen auf, die ihn nach meinem Empfinden weit treffender charakterisieren. Direkter und kürzer obendrein.

Kill your darlings!

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