SaigonSound-Leseprobe

Dies sind die Kapitel 1 bis 6 des Romans

Saigon Sound

von

Daniel Dekkard

Treibsand

Er verspritzte das Blut seiner Mutter auf Laken und Fußboden, wehrte sich, ihren Schoß zu verlassen. Ein von Opium zerschossener Metzger durchtrennte die Nabelschnur. Kurz darauf flohen sie aus der stickigen Wohnung Nummer 14/5, Tong Van Tran, Quan 11, Saigon. Die nordvietnamesische Armee marschierte in die Stadt ein. Er wuchs in der Fremde auf, bereiste zwanzig Länder, heiratete viermal und nahm an zwei Kriegen teil, die letzte Ehe nicht mitgerechnet.
Nach 37 Jahren kehrte er zum ersten Mal wieder nach Saigon zurück. Er folgte dem Wunsch, die Stätte seiner Geburt im 11. Bezirk aufzusuchen. Der letzte Mieter war vor Wochen ausgezogen. Er gab einer plötzlichen Laune nach, stornierte das Hotelzimmer und übernahm die zwei düsteren, spärlich möblierten Räume mit fensterlosem Bad. An einer Garküche am Straßenrand stillte er seinen Hunger. Am Abend, er hielt sich noch keine 14 Stunden in der Stadt auf, betrat er die Nummer 14/5 in der Tong Van Tran, schloss die Tür hinter sich und verriegelte sie. Drinnen im dunklen Flur wartete jemand auf ihn und schlitzte ihm die Kehle auf. Der Coroner sagte mir: »Solche Dinge passieren hier jeden Tag.«
Allerdings!
Ich musste mich aus Indonesien verdrücken und damit begannen MEINE Probleme. Sumatra. Hätte nie geglaubt, Ochsenkarren würden als Fluchtfahrzeug taugen. Ich rumpelte da nachts aus diesem Kaff, unter der Plane verborgen. Ein Alter, der es gut mit mir meinte, steckte mir im letzten Moment meinen Rucksack zu, eine Handvoll Kleingeld und den Rat, ich solle mich hier nie wieder blicken lassen. Das halbe Dorf suchte noch nach mir, mit Knüppeln und Bambusruten bewaffnet. Vielleicht übertrieben, aber ich schob gleich vier Ländergrenzen zwischen diesen Lynchmob und mein nächstes Ziel, Saigon.
Und dann das! Gerade in der Stadt und irgendein Schwanzgesicht klaute mir bei der ersten Gelegenheit meine DV-Kamera. Ich hatte mit dem Ding eine Leichenverbrennung in Varanasi aufgenommen. Einen Helikopter-Absturz in Melbourne. Männer in einem Nest bei Oaxaca, die sich während des Osterfestes freiwillig ans Kreuz nageln ließen. Die abgefahrensten Sachen. Alles bedeutungslos, Mist, Datenmüll gegen das, was ich gestern gefilmt hatte. Absolut sicher das Wichtigste in meinem Leben. Abgesehen von IHR natürlich. SIE, die Einzige, die mir jetzt noch helfen konnte.

 

Im Bett verheddert

Das Schwarze Loch zog auch Mädels an, stellte ich überrascht fest. Weenies drahtiger, von zuviel Testosteron durchgepeitschter Körper steckte in einer kopierten Levis und einem T-Shirt. Sie zielte auf mich mit vorwitzigen Brüsten, die in Champagnerkelche passten. Zwischen ihren erregten Knöpfchen und meinem Hemd blieb kaum noch Luft zum Atmen. Dieses in Fake-Jeans gezwängte Stückchen Lust schlief mit jedem. Behaupteten alle, mit denen sie nicht schlief.
»Wer bist’n du?«
»Daniel.«
»Wollte nicht wissen, wie du heißt.«
Wollte sie nicht. Ich hatte keinen Bock auf das blöde Spielchen ›Der Gockel mit den buntesten Federn kriegt die Henne‹. Aber niemand sagte einem Mädchen auf dieser Distanz: »Ooch, ich bin eher der durchschnittliche Typ.«
»Ich bin der Kerl, der auf einem Ochsenkarren aus einem Nest in Sumatra geflohen ist.«
»’kay.«
Meinte ›okay‹. Sie kürzte alles ab.
»’kay. Willste bumsen?«

Sie kam rasch und heftig, mit einem entzückenden »Uuuh« hintendran. Nicht unbedingt mein Verdienst. Das letzte, was ich geküsst hatte, war der Lippenabdruck eines Mädels auf der Dose Cola, die ich mit ihr teilte. Dichter an Sex war ich in den vergangenen drei Monaten nicht rangekommen und das zog gewaltig im Schritt. Ich ging bei Weenie zu rustikal an den Start. Das Ganze dauerte nur eine knappe halbe Stunde, trotzdem verschaffte es ihr zwei Orgasmen. In Wellen, dicht aufeinanderfolgend. Sie lebte in einem dauerhaften Zustand tektonischer Spannung. Ein leichter Druck reichte und erzeugte in ihr ein Erdbeben. Gefolgt von dem, was sie »ihre kleinen Tsunamis« nannte.
Wir lagen ausgestreckt auf dem schweißnassen Laken, die Körper getrennt von fünf Zentimeter Befremden. Weenie bewohnte eine günstige Bude in der Nähe der Pham Ngu Lao. Außer dem knarzenden Holzkasten mit harter Matratze, auf der wir uns vergnügt hatten, gab es in dem Raum noch Tisch, Stuhl und eine Kommode. Darüber hatte sie die Hälfte ihres Krams verteilt, die andere unter dem Bett verstaut. Es rückte wieder an, das ernüchternde Nach-dem-Sex-Entzweien. Nur deshalb beschäftigte ich mich mit den rumpeligen Möbeln. Zwecklos. Wie bei Monica und allen anderen davor. Nie bewahrte ich etwas von der Intimität, sobald sich die Körper voneinander gelöst hatten. Nackt und verklebt, den Geruch verströmter Körpersäfte in der Nase ruhte man Seite an Seite und blieb sich fremd. Ich wusste nichts von Weenie, kannte bloß ihren abgebrochenen Spitznamen. Nur fünf Zentimeter und doch so weit entfernt. Wenn die eingeschossenen Endorphine sich verflüchtigten, schwand auch die Nähe. Das Trennende heftete sich immer hartnäckig an. Der Grund dafür verbarg sich mir bislang. Dieses Mal wollte ich es besser machen, den Graben überbrücken. Ich schob meine Hand vor, bis sie ihre Hüfte berührte.
»Weenie. Was ist das für ein Name?«
»Is´ kürzer.«
»Als was?«
Sie seufzte und sprang aus dem Bett zur Kommode hin. Mit durchgestreckten Beinen beugte sie sich zur untersten Schublade, gab den Blick frei auf ihre feucht glitzernde Ritze. Sie wühlte, vor sich hinsummend, in dem Geraffel herum. Wie es Mädchen taten am Morgen nach einer glücklich durchfickten Nacht auf der Suche nach dem passenden Höschen für den Tag. Sie legte sich wieder neben mich lang, bugsierte mir ihren Reisepass unter die Nase und schlug eine Seite auf. Es war ein belgischer Ausweis und ich las: »Dore Amita Polman Eertogen van Ridderbeekx-Weeneringen.«
»’kay?«
»’kay«, bestätigte ich.

 

Das Schwarze Loch

>> Mann, der Kerl ist scheißgefährlich, ja. Sieh ihn dir an. Is‘ nich‘ größer als ’n verdammter Jockey. Aber, Mann, der war bei der Ulster Volunteer Force, ja. Der macht drei Sumo-Ringer fertig nur mit ‚m Paar verfickter Ess-Stäbchen in der Hand. Also, du bezahlst verdammt nochmal besser deinen Drink, oder er wischt den Tresen mit deiner Leber. <<

Das war das Erste, das ich über Mat hörte. Ich war gerade in Saigon gelandet, besorgte mir im 3. Bezirk eine billige Hütte, warf mein Zeugs hinein und stiefelte in den nächsten Pub. Ein Wasserloch für Gestrandete fern der Heimat. Eine Alkohol-Oase in der Wüste der Einsamkeit. Jeder hier hatte sich verlaufen oder wusste nicht wohin oder wie oder warum. Unter ihnen befanden sich noch andere Gestalten, aus zwielichtigen Gründen zum Bleiben gezwungen. Touristen, und in einem weit gefassten Sinn zählte ich dazu, schlugen hier nur selten auf.
»Liegt dran, dass er in keinem Reiseführer steht«, sagte jemand.
»Doch. Tu ich«, erwiderte Mat. »In einem. Da kommt ein Kerl rein und pflanzt sich an die Theke. Nach dem zweiten Pint fragt er, wie viel Kohle ich ihm geben würde, damit er meinen Laden in seinem Scheiß-Reiseführer empfiehlt.«
Er klatschte ein zerfleddertes Traveller-Guidebook auf den Tresen. »So stellen die Wichser das nämlich an. Lassen sich die besten Zimmer geben, fressen und saufen sich gratis durch. Und wenn man in ihren beschissenen Büchern auftauchen will, muss man auch noch Bares rausrücken.«
Mit empörten Gesichtern stimmten die anderen zu.
»Was blieb Mat schon übrig?«, warf einer dazwischen. »Er haut den Lutscher vom Sitz und tritt ihn auf die Straße. Da schreibt der dann ins Buch: Meidet diesen Laden. Es sei denn, ihr braucht unbedingt Randale.«
Mat grinste. »Ich hab nichts bezahlt und steh trotzdem drin«.
Dann packte er mit beiden Händen eine Bierflasche am Hals und erwürgte sie. »Dabei hätte der Weichkeks gleich noch eins auf die Zwölf verdient. Er hat nämlich nicht erwähnt, dass dies ein verdammter Irish Pub ist.«
Außer Mat selbst, der aus Dungannon stammte, entdeckte ich in dem Laden nichts Irisches. Vielleicht DER HOCKER. Ein altmodisches Bar-Teil mit Lehne. Auf der Rückseite war eine keltische Rune eingeritzt. Niemand setzte sich jemals auf DEN HOCKER. Selbst wenn die Bar vollgestopft war wie die Tokioter U-Bahn zur Rushhour.
»Reserviert.«
Das genügte oder es gab eins auf die Zwölf. Reichlich ruppig, der Schuppen. Aber die wahre Gefahr lag woanders auf der Lauer. Mats Pub gehörte zur Kategorie der Schwarzen Löcher. Saugte den Atem der menschlichen Seele ein; Träume, Ängste, Begierden, und verdichtete alles zu einer kritischen Masse, aus deren Gravitationsfeld es kein Entrinnen gab. Schon am ersten Abend lernte ich jeden kennen, der hier regelmäßig aufkreuzte. Was dann geschah, hatte ich nicht mal in meinem bizarrsten Drogenrausch erlebt.

 

Torpedoflittchen

Weenie lächelte und grüßte manierlich: »Chao boi sang.«
Damit entwaffnete sie den Wachposten und schleuste die packvolle Plastiktragetasche an ihm vorbei. Er kam nicht auf die Idee, sie zu inspizieren. Mädchen aus dem Westen schmuggelten keine Explosivstoffe in öffentliche Gebäude. Weenie unterstützte ihn in seinem Glauben. Mit einem knielangen Faltenrock, einer weißen Bluse und zwei lustig hinter den Ohren herabfallenden Zöpfen mogelte sie ihr Alter abwärts Richtung unbefleckte Klosterschülerin. Auf den Fahrstuhl wartend bewahrte sie ihr Lächeln. Erst drinnen, nachdem sich die Tür geschlossen hatte, verlor sie es. Kräftig durchatmend drückte sie den Knopf für das oberste Stockwerk. Zwei Überwachungskameras beobachteten sie.
Im 20. Stock schlüpfte sie aus dem Fahrstuhl, beäugt von weiteren Kameras, die jeden Winkel der Gänge überblickten. Nicht zögern, nicht auffallen, dachte sie. Bei zwei früheren Besuchen hatte sie das Gebäude eingehend untersucht und fand den Weg nun blind. Mit festem Schritt nahm sie den Gang rechter Hand, der auf eine Feuertür zuführte. Der Ausgang war mit einer Signalleitung gesichert. Wenn sie diese Tür öffnete, blieben ihr noch fünf Minuten, bis die Wachen sie greifen würden. Knapp, aber möglich. Sie packte die Klinke und drückte die Tür nach außen. Ein heftiger Wind stemmte sich mit dem Gewicht eines 100-Kilo-Mannes dagegen. Nur Sekunden widerstand sie, dann knallte die Tür vor ihrer Nase wieder ins Schloss. Am Security-Desk im Erdgeschoss schrillte der Alarm.
»Scheiße!«
Beim zweiten Versuch schob sie einen Fuß vor, presste ihre Schulter gegen die Tür und vergrößerte den Spalt. Mit Mühe zwängte sie sich hindurch auf die Feuertreppe. Hastete nach oben auf das Flachdach. Ein Blick genügte. Der optimale Platz befand sich an der Ostseite, in der Mitte. Mit flatterndem Rock sprintete sie zur Dachkante und warf die Tasche auf den Boden. Der Wind hier oben spielte verrückt. Böig prallte er in ihren Rücken. Ein zweiter, wuchtiger Zug blies am Gebäude nach oben direkt ins Gesicht. Sie kämpfte mit den Watschen, stemmte sich gegen die widerstreitenden Kräfte, die sie hin und her zerrten und einmal beinahe über die Kante.
Achtzig Meter unter ihr zog sich die Nguyen Binh Khiem hin. Jenseits der Straße breitete sich das Grün des Saigoner Zoos aus, im Norden von einem Kanal begrenzt. Nervös schaute sie über die Schulter zur Tür des Service-Fahrstuhls. Von dort würden sie kommen. Weenie öffnete die Tasche. Das Kommende hatte sie geübt. Dutzendmal. Dafür brauchte sie kaum drei Minuten. Sie war dicht dran, ihre Bestmarke zu überbieten. Mit einem Ratschen sprang das Gitter des Fahrstuhls zurück. Drei Uniformierte preschten heraus. Einer griff an seine Gürteltasche.
»Ngung lai! Ngung lai!«
»Tut mir leid, Jungs. Ich hab keinen Schimmer, was ihr meint.«
›Die werden ja wohl nicht gleich losballern.‹
Weenies letzter Gedanke. Dann schoss sie in die Tiefe. Die Knie angewinkelt, die Arme an den Körper gepresst sauste sie abwärts, sich um ihre Achse drehend. Sie schrie. Angst und Lust. Die ersten Sekunden waren immer die geilsten. Der turbulente, orientierungslose Sturz. Oben und unten zu einem einzigen Farbwirbel verwischt. Der Absprung aus geringer Höhe barg das Risiko, sich in dem orgasmus-ähnlichen Zustand zu verlieren. Sie wusste von Springern, die vergessen hatten, den Fallschirm rechtzeitig zu öffnen. Weenie wartete bis zum letzten Augenblick. Mit einem Ruck bremste der Fünfzeller-Matrix-II ihren Sturz. Über ihr spannte sich die Fläche, kaum größer als sie selbst. Geschickt steuerte sie das Gelände des Zoos an. Es gab dort Freigehege, Tiger und ein paar andere Raubkatzen. Und das Becken mit den Krokodilen. Eins davon wollte sie treffen. Das gab den zweiten Orgasmus. Nur mit einer spektakulären Landung kickte das Ganze richtig.

 

Im Bett verheddert – Part II

Die Stille nahm wieder Besitz von uns. Weenie warf ihren Reisepass auf den Boden. Dann beugte sie sich hinunter und zauberte einen Joint hervor. Sie entzündete ihn, nahm einen kräftigen Zug und reichte mir die Lunte. Ich mochte Weenie, ihr wetterfestes Wesen, den jungenhaften Körper, das robuste Liebesspiel. Alle anderen vor ihr, mit denen ich zwei, drei Wochen oder nur eine Nacht geteilt hatte, mochte ich auch. Da verbarg sich vermutlich der Grund für das ewig Trennende. Noch weigerte ich mich, aufzugeben. Es musste eine Brücke geben über die lächerlichen fünf Zentimeter.
»Hattest du ernsthaft vor, in das Krokodilbecken zu springen? Ich meine, Scheiße, wie wolltest du da jemals wieder rauskommen?«
Eine Böe hatte ihre Absicht durchkreuzt. Sie war über den Zoo hinweggesaust, verhinderte mit Mühe, in den Kanal zu rauschen und landete vor dem 18. Loch eines nahegelegenen Golfplatzes. Kaum aufgesetzt, kullerte ein weißes Bällchen zwischen ihre Beine. Sie versaute damit einem vietnamesischen Geschäftsmann den persönlichen Rekord.
Weenie richtete sich auf. Ihre Knie, ein Unruhe erzeugendes Stückchen abgewinkelt, berührten meinen Brustkorb.
»Is‘ wie das ganze Leben. Da landest du auch ständig in haarigen Situationen und musst zusehen, wie du wieder rauskommst.«
Ich schluckte, wurde zappelig, mit dem Gesicht eine halbe Armlänge vor ihrem Venushügelchen. »Du bist völlig irre.«
Das Dope krachte auf meinen Neocortex und ich wusste nicht, ob ich damit ihren Selbstmordversuch meinte oder ihr duftendes Dreieck.
»Wer ist hier irre? Geflohen, ja? Was hast du angestellt in Sumatra?«
Da blitzte sie auf, meine Chance. Über den Graben zu springen, es ihr zu sagen, sie von mir wissen, an mir teilhaben zu lassen. Ich zögerte. Meine Augen klebten an ihrem nassen Schoß. Der Anblick fuhr mir bis rauf in die Schwanzspitze. Es ging nicht anders. Mit einem Finger tupfte ich in ihren Tau. Sie stöhnte leise auf. Drei Sekunden später saß sie auf mir und bearbeitete mich mit fordernden Stößen ihres Beckens. Ich fühlte ihr tektonisches Knistern, das Erdbeben und das Nahen der Tsunami.
»Uuuh.«
Das war die Antwort auf alle Fragen.

 
© 2013 copyright Daniel Dekkard

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