Eine Menge Arbeit, Teil 2

 Selbstverleger schreiben Mist.

 

Unter dem gleichen Titel hatte ich im August  im Neobooks-Forum „Über das Schreiben“ einen etwas provokanten Artikel verfasst. Er setzte sich mit der tatsächlich oft mangelhaften Sprach-Qualität selbstpublizierter Bücher auseinander. Genau wie in meinem Artikel „Eine Menge Arbeit“ hier auf der Seite über die Korrektur von „Saigon Sound“ hört sich das alles ganz toll, klug und umsichtig an. Das reicht bloß nicht, wenn man zu doof zum Schreiben ist. Über meine Leseprobe sind mal ein paar Profis drübergegangen. Nicht nur der in „Eine Menge Arbeit“ beschriebene Roman-Anfang steckte voll Fehler, sondern auch der Rest der Geschichte.

Im ersten Absatz war´s noch vergleichsweise harmlos mit zwei Schnitzern:

Er wuchs in der Fremde auf, bereiste zwanzig Länder, heiratete viermal und nahm an zwei Kriegen teil, die letzte Ehe nicht mit gerechnet.

Wird zusammen geschrieben: „mitgerechnet“.  Andernfalls hätte er nicht mit der Ehe gerechnet.

Der Coroner erzählte mir, solche Dinge passieren hier jeden Tag.

Indirekte Rede fordert Konjunktiv I. „passieren“ ist Konjunktiv I. Aber die nächste Regel besagt, wenn dieser mit dem Indikativ identisch ist, muss Konjunktiv II verwendet werden. Also: „(…), solche Dinge passierten hier jeden Tag.“  Und weil das Deutsche ums Verrecken keine einfache Sprache sein will, gibt´s gleich NOCH eine Regel hinterher. Ist der Konjunktiv II mit dem Präteritum des Verbes identisch, wie in diesem Fall, muss der Konjunktiv mit „würde“ gebildet werden. Also: „(…), solche Dinge würden hier jeden Tag passieren.“

Dann aber der zweite Absatz:

Weiß Gott, das tun sie!*1 Ich musste mich aus Indonesien verdrücken und damit begannen MEINE Probleme. Sumatra. Wer glaubt, Ochsenkarren taugen nicht als Fluchtfahrzeug, irrt sich.*2 Ich rumpelte da nachts aus diesem Kaff, unter der Plane verborgen. Das halbe Dorf suchte noch nach mir, mit Knüppeln und Bambusruten bewaffnet. Ein Alter, der es gut mit mir meinte, steckte mir im letzten Moment meinen Rucksack zu, eine Handvoll Kleingeld und den Rat, ich solle mich hier nie wieder blicken lassen. Ich dachte, sicher ist sicher und schob gleich vier Landgrenzen zwischen diesem Ort und meinem nächsten Ziel*3, Saigon. Und dann das! Keine Woche hier und irgendein Schwanzgesicht klaut*4 meine DV-Kamera. Ich nahm*5 mit dem Ding eine Leichenverbrennung in Varanasi auf. Einen Helikopter-Absturz in Melbourne. Männer in einem Nest bei Oaxaca, die sich während des Osterfestes freiwillig an´s*6 Kreuz nageln ließen. Die abgefahrensten Sachen. Alles bedeutungslos, Mist, Datenmüll gegen das, was ich gestern gefilmt hatte. Vielleicht, nein, sicher das Wichtigste in meinem Leben. Abgesehen von IHR natürlich. SIE, die einzige, die mir jetzt noch helfen konnte.

*1 – falsches Tempus. Die Geschichte ist im Präteritum geschrieben. Also hätte es hier heißen müssen: „Weiß Gott, das taten sie.“

*2 – dito. Abgesehen von der Tatsache, dass da ein Konjunktiv hingehört.

*3 – falscher Dativ. Die Präposition „zwischen“ verlangt bei dynamischen Verben den Akkusativ. Der Unterschied zwischen „sitzen“ und „setzen“. – „Er saß zwischen der Couch und dem Tisch.“ (Dativ) Aber: „Er setzte sich zwischen die Couch und den Tisch.“ (Akkusativ)

Richtig wäre also:

„… schob gleich vier Landgrenzen zwischen diesen Ort und mein nächstes Ziel.“

*4 – falsches Tempus, siehe 1 und 2.

*5 – noch einmal falsches Tempus, diesmal aber in der verschärften Variante. Da die Geschichte, wie für Romane üblich, in der Vergangenheitsform, dem Präteritum, erzählt ist, steht diese Zeitebene für das gerade aktuell Geschehende. Wie:

„Ich öffnete die Tür, trat auf die Straße und lief der einzigen Person über den Weg, der ich heute nicht begegnen wollte.“

In meinem Fall bedeutet das also, dass der Protagonist gerade dabei ist, eine Leichenverbrennung in Varanasi aufzunehmen, und gleichzeitig noch zwei andere Dinge, die davon tausende von Kilometern entfernt sind. Platterdings unmöglich. Fazit: Plusquamperfekt, sprich: abgeschlossene Vergangenheit. „Ich hatte mit dem Ding … aufgenommen, usw.“

*6 – falscher Apostroph. ans, ins, aufs, ums, etc. wird immer zusammengeschrieben.

Die ganze Nummer hat sogar noch einen siebten Fehler, den zu erkennen aber Geographie-Kenntnisse voraussetzt.

„… schob gleich vier Landgrenzen … “

Der Protagonist flieht aus Sumatra, das zu Indonesien gehört und schlägt dann in Saigon/Vietnam auf. Da er, wie später in der Story ausgeführt, nicht das Flugzeug nimmt, geht sein Weg über Malaysia, Thailand und Kambodscha nach Vietnam. Das sind DREI Landgrenzen, denn Indonesien hat keine Festlandsverbindung zu Malaysia. Hätte also entweder etwas umständlich heißen müssen: Eine See- und drei Landgrenzen. Oder: vier Ländergrenzen.

Und in dem Tenor geht es durch das ganze Buch. Das reicht eigentlich erstmal, um mir eine Weile das Maul zu stopfen und nicht mehr über die Sprach-Holpereien anderer herzuziehen.

Die korrigierte Fassung des Romans erscheint demnächst. Die Leseprobe auf dieser Seite glänzt, hoffentlich, inzwischen fehlerfrei.

Im Artikel „Eine Menge Arbeit“ sagte ich, man könne die Manuskript-Korrektur bis zur Selbstlähmung treiben. Das gilt nur für die stilistische. Bei der Rechtschreibung und Grammatik lohnt sich, wie ich erfahren musste, auch der neunte und zehnte Durchgang.

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