Eine Menge Arbeit

Die Korrektur

 

Ich möchte hier am Beispiel des ersten Kapitels von „Saigon Sound“ einen Fehler aufzeigen, der nicht nur Anfängern unterläuft. Der Glaube, was spontan durch die Hirse geht, ist auch gleich das Gelbe vom Ei. Insofern läßt sich das Folgende als Erweiterung meines „Kostenlosen Kurses für kreatives Schreiben“ betrachten. Dort zitiere ich einen der größten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts mit den Worten: „Der erste Entwurf ist immer Scheiße.“

In meinem Fall war es sogar der zweite und dritte. „Saigon Sound“ beginnt mit zwei Absätzen. Ich stelle sie hintereinander vor. Dies ist die allererste Fassung des Roman-Anfangs:

Ein Bericht erwähnte später, welche Ironie das Schicksal bewies, indem es den ersten und den letzten Gewaltakt an einem Menschen, Geburt und Tod, an ein und demselben Ort vollstreckte. Obwohl der Kerl sich nur zu diesen beiden Gelegenheiten dort aufgehalten hatte. Und dazwischen fast vier Jahrzehnte lagen. Er bereiste mehr als zwanzig Länder, heiratete viermal und nahm an zwei Kriegen teil, die letzte Ehe nicht mit eingerechnet. Erst vor zwei Tagen kehrte er zurück in die Can Tho Bao, Quan 11, Nummer 14/5, Saigon. In dieser schäbigen Wohnung verspritzte er zweimal Blut. Das seiner Mutter, weil er sich etwas zu heftig wehrte, den Schoß zu verlassen. Und schließlich sein eigenes. 38 Jahre später wartete dort jemand auf ihn und schlitzte ihm die Kehle auf. Kein Motiv erkennbar. Der Coroner erzählte mir, diese Dinge passieren hier jeden Tag.

Und das ist die finale Version, wie sie in „Saigon Sound“ zu lesen ist:

Er verspritzte das Blut seiner Mutter auf Laken und Fußboden, wehrte sich, ihren Schoß zu verlassen. Ein von Opium zerschossener Metzger durchtrennte die Nabelschnur. Kurz darauf flohen sie aus der stickigen Wohnung Nummer 14/5, Tong Van Tran, Quan 11, Saigon. Die nordvietnamesische Armee marschierte in die Stadt ein. Er wuchs in der Fremde auf, bereiste zwanzig Länder, heiratete viermal und nahm an zwei Kriegen teil, die letzte Ehe nicht mit gerechnet. Nach 37 Jahren kehrte er zum ersten Mal wieder nach Saigon zurück. Er folgte dem Wunsch, die Stätte seiner Geburt im 11. Bezirk aufzusuchen. Der letzte Mieter war vor Wochen ausgezogen. Er gab einer plötzlichen Laune nach, stornierte das Hotelzimmer und übernahm die zwei düsteren, spärlich möblierten Räume mit fensterlosem Bad. An einer Garküche am Strassenrand stillte er seinen Hunger. Am Abend, er hielt sich noch keine 14 Stunden in der Stadt auf, betrat er die Nummer 14/5 in der Tong Van Tran, schloss die Tür hinter sich und verriegelte sie. Drinnen im dunklen Flur wartete jemand auf ihn und schlitzte ihm die Kehle auf. Der Coroner erzählte mir, solche Dinge passieren hier jeden Tag.

 Was ist geschehen?

Man sammelt Ideen, recherchiert, entwirft eine grobe Struktur des Romans. Das ist zum Teil eine trockene, manchmal nervtötende Arbeit. Fängt der Autor endlich mit dem Schreiben an, gerät er in einen Fieberzustand. Und läuft in die Falle. Die lange Vorbereitung und der erste Kreativschub verführen dazu, gleich den ersten Wurf für gelungen zu halten. Auch ich empfand die Ur-Fassung als einen echt guten Einstieg. Die Macken daran sind mir erst aufgefallen, als ich schon sieben oder acht Kapitel geschrieben hatte.

Dieser erste Absatz enthielt schon einen Kardinalfehler des Schreibens. Sol Stein, der beste creative-writingLehrer von allen, sagt in seinem Buch „Über das Schreiben“: „Zeigen statt sagen! Nicht schreiben: Es regnet, sondern dem Leser das Gefühl geben, klatschnass zu werden.“

Bei meinem Anfang wird keiner nass! Nicht mal angefeuchtet. Die traurige Geschichte des Mannes ist zu einer bloßen Nachricht verblasst, enthält keine bildhaften Details. Und auch wenn man keinen Roman schreibt, der in das Genre „spannende Unterhaltung“ fällt: Der erste Satz sollte immer knallen! Und was mach ich? Einen Bericht über die Ironie des Schicksals und das noch ellenlang. Hauptsatz, drei Nebensätze und noch ein Einschub. Dabei habe ich sowohl Sol Steins Buch als auch drei andere Werke über das Schreiben studiert. Und mir hätte das alles eigentlich bewusst sein müssen. Ein nur schwer zu erklärendes Phänomen.

Die Unterschiede zwischen beiden Fassungen treten klar hervor. In der endgültigen kracht der erste Satz. Und der Leser wird nicht mehr mit einem blutleeren Bericht gelangweilt, sondern kann einer Figur folgen, die handelt. Der Mann hinter dieser kleinen Tragödie kommt besser zum Vorschein, wird mit einem Wunsch ausgestattet. Hier wird auch nicht mehr am Anfang verraten, was geschehen WIRD. Der dramatische Ausgang der Episode steckt jetzt da, wo er hingehört. Am Ende. In einem einzigen kurzen Satz.

Drinnen im dunklen Flur wartete jemand auf ihn und schlitzte ihm die Kehle auf.

Zwischen beiden Versionen lagen noch drei weitere, auf die doppelte Länge gestreckt. Erst kurz vor Schluss habe ich den Absatz wieder gestutzt. Er enthielt unnütze Informationen und solches Wortgedöns wie: „sehnlicher Wunsch“ und „fasste den spontanen Entschluss.“ Wünsche“ sind immer sehnlich. MIT dem Adjektiv macht man aus einem Greis einen alten Greis. Also weg damit. Und „einen spontanen Entschluss fassen“ klang zu technisch und unpersönlich.

Der zweite Absatz dieses ersten Kapitels, in dem der Ich-Erzähler Daniel mit seiner Geschichte beginnt, verdient ebenfalls eine nähere Betrachtung. Erstaunlicherweise hat er sich unverändert bis in die vorletzte Korrekturstufe des Romans gerettet. Er las sich ursprünglich so:

Weiß Gott, das tun sie! Ich hatte meine eigenen Probleme. Angefangen damit, dass ich mich vor kurzem aus Indonesien verdrücken musste. Sumatra. Hätte nie gedacht, dass Ochsenkarren als Fluchtfahrzeug taugen. Ich rumpelte da nachts aus diesem Kaff raus, versteckt unter der Plane. Ein Dorfbewohner, der es gut mit mir meinte, steckte mir im letzten Moment noch meinen Rucksack zu, eine Handvoll Kleingeld und den dringenden Rat, mich hier nie wieder blicken zu lassen. Mir schien es zudem ratsam, mehr als nur eine Landgrenze dazwischen zu schieben. So kam ich nach Saigon. Und dann das! Ich bin keine Woche hier und irgendein Schwanzgesicht hat meine DV-Kamera geklaut. Und da ist etwas drauf, das … Ich habe das Ding auf eine Leichenverbrennung in Varanasi gehalten, auf einen Helikopter-Absturz in Melbourne, auf Männer in einem Nest bei Oaxaca, die sich während des Osterfestes freiwillig an´s Kreuz nageln ließen. Auf die abgefahrensten Sachen. Alles Murks, Datenmüll gegen das, was ich gestern damit aufgenommen hatte. Vielleicht, nein, sicher das wichtigste in meinem Leben. Abgesehen von IHR natürlich. Ich musste SIE wiedersehen. SIE war die einzige, die mir jetzt noch helfen konnte.

Er ist auf Anhieb etwas bildhafter geraten, aber weit davon entfernt, wirklich gelungen zu sein. Vor allem deswegen:

Zwei Satzkonstruktionen hintereinander, in denen der Nebensatz mit „dass“ eingeleitet wird.

Zweimal der Infinitiv auf zu, wieder in zwei aufeinanderfolgenden Sätzen.

Elfmal (!) mal ein Hilfsverb verwendet. (Wozu ich auch die schwachen Modalverben können, sollen, wollen, müssen, mögen, dürfen zähle)

Und einmal ein zumindest fragwürdiges „schien“.

Alles in 19 Zeilen. Beide Absätze in der Ursprungs-Fassung zusammen genommen ergeben dann schon ganz mieses Theater. Viel mehr konnte ich nicht falsch machen. Das kommt davon, wenn man sich für genial hält. Ein gewisses Kontingent an Hilfsverben, Infinitiv-Konstruktionen und „dass“-Sätzen lässt sich nicht vermeiden. In der Masse, wie sie mir in den Text gerutscht sind, allerdings schier unerträglich. Spätestens hier wird deutlich, wie dringend erforderlich die Überarbeitung eines Manuskriptes ist. Und DAS kam dabei heraus:

Weiß Gott, das tun sie! Ich musste mich aus Indonesien verdrücken und damit begannen MEINE Probleme. Sumatra. Wer glaubt, Ochsenkarren taugen nicht als Fluchtfahrzeug, irrt sich. Ich rumpelte da nachts aus diesem Kaff, unter der Plane verborgen. Das halbe Dorf suchte noch nach mir, mit Knüppeln und Bambusruten bewaffnet. Ein Alter, der es gut mit mir meinte, steckte mir im letzten Moment meinen Rucksack zu, eine Handvoll Kleingeld und den Rat, ich solle mich hier nie wieder blicken lassen. Ich dachte, sicher ist sicher und schob gleich vier Landgrenzen zwischen diesem Ort und meinem nächsten Ziel, Saigon.

Und dann das! Keine Woche hier und irgendein Schwanzgesicht klaut meine DV-Kamera. Ich nahm mit dem Ding eine Leichenverbrennung in Varanasi auf. Einen Helikopter-Absturz in Melbourne. Männer in einem Nest bei Oaxaca, die sich während des Osterfestes freiwillig an´s Kreuz nageln ließen. Die abgefahrensten Sachen. Alles bedeutungslos, Mist, Datenmüll gegen das, was ich gestern gefilmt hatte. Vielleicht, nein, sicher das Wichtigste in meinem Leben. Abgesehen von IHR natürlich. SIE, die einzige, die mir jetzt noch helfen konnte.

 Beide „dass“-Nebensätze weg, ebenso ein Infinitiv, das schwammige „schien“ getilgt, und es bleiben von elf gerade noch vier Hilfsverben übrig. Zwingt sich der Schreiber, diese schwachen Ausdrücke durch aktive und stärkere zu ersetzen, führt das automatisch zu einer bunteren Sprache. Das berichthafte, indirekte verschwindet, die ganze Sache wird lebendiger. Die Romanfassung des ersten Kapitels ist das Ergebnis von sechs Überarbeitungs-Stufen. Und das für einen Text, der in der Printversion nicht mal eineinhalb Seiten lang wäre. Der gesamte Roman hätte knapp unter 200 Seiten. Ich hab irgendwann mit dem Zählen aufgehört, wie viele Unsauberkeiten da drin steckten.

Außer die oben genannten auszumerzen, empfehle ich, das Manuskript auf sich oft wiederholende Formulierungen zu untersuchen. Jeder Autor hat ein paar davon in seinem Gepäck. Bei mir „kehrte“ ständig jemand „zurück.“ Oder „erinnerte sich“. „Musterten“, „sahen“ und „blickten“ die Figuren in einem fort. Bekamen dieses oder jenes „Gefühl“. Das gleiche gilt für Lieblings-Adjektive und Adverben. Es fällt beim Schreiben einfach nicht auf. Hinterher entdeckt man dann Dutzende Male „niedrig“, „verlegen“, „schmal“ und „überrascht“ wird im Übermaß.

Zum Veröden von ganzen Passagen tragen besonders bildleere Substantive bei. Einfach mal aus Spaß in die Word-Suchmaske nacheinander  die Endungen ung, heit, keit, schaft, ion, ät, nis und tum eingeben. Auch da kommt man um einige nicht herum. Aber es ist erstaunlich, wie viele davon unbemerkt in den Text schlüpfen.

Zum Schluss noch eine Warnung. In meinem „Kostenlosen Kurs für kreatives Schreiben“ habe ich gesagt, die Arbeit an der Struktur des Romans VOR dem Schreiben könne man bis zur Selbstlähmung treiben. Das passiert manchem NACH dem Schreiben auch mit der Korrektur.

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