Irgendwo in Indonesien – 7

Am großen Blumenfluss

7. Teil

An einem Abend tauchten vier Einheimische am legalen Ende der Liebesstraße auf. Sie schnappten sich die Musikinstrumente und schrubbten mit viel Hingabe und wenig Talent Dangdut-Stücke herunter. Indonesischer Pop, in dem es hauptsächlich um cinta ging. Das löste keine übermäßige Stimmung aus, die Leute unterhielten sich weiter. Adrian erzählte dem Australier von der Werkstatt mit den Ölfässern.
„Es erschien mir so überflüssig. Ich hab dem Treiben so lange zugeschaut, bis ich glaubte, mir das Ganze nur einzubilden.“
„Warum bist du nicht rüber?“, fragte Colby. „Du hättest sie fragen können. Apa itu? Was macht ihr da? So einfach ist das.“
Adrian fühlte sich hinters Licht geführt. Colby hatte in ihm den Drang freigesetzt, dem Profanen etwas Mystisches abzugewinnen und jetzt kam er ihm mit diesem Pragmatismus. Er wollte etwas erwidern, doch der Australier stand auf. Ein Mädchen hatte die Bar betreten, jung, die ganze Sonne Asiens und alle Rätsel dieses Kontinents in den schmalen Augen. Weiterlesen

Irgendwo in Indonesien – 6

Am großen Blumenfluss

6. Teil

Schwer herauszuhören, ob er wirklich meinte, dass das Leben so sei. Seit Monaten zog er durch Indonesien. Bis hierher, an den großen Blumenfluss. Er redete laut und fröhlich, als gelte es, einen bösen Geist zu verscheuchen, sprach davon, dass man die Dinge nehmen müsse, wie sie kämen. Dieser Ort sei so gut wie jeder andere. Entscheidend sei, was man draus mache.
„Und was machst du aus Sungai Bungai?“, fragte Adrian.
„Ich bin Manager. Hier.“
Er breitete lachend die Arme aus. Die rumpelige Bude erweckte nicht den Eindruck, als ob sie einen Manager brauchte. Trotzdem beeindruckte der Australier Adrian. Colby ging mit einer Leichtigkeit auf das Leben zu, die es ihm ermöglichte, noch aus dem letzten Mist ein Paradies zu basteln. Weiterlesen

9 – Grauzone

Verfummeltes Leben

Norddeutschland, Lingen, Daniel Dekkard, Saigon Sound

Beliebige Ortsausfahrt einer Kleinstadt, Norddeutschland:

„Krieg einfach zuviel Sonne ab. Immer nur Berge, Dschungel, Tropenstrände. Dachte, da müsste mal was kaltes, unspektakuläres auf den Reiseplan. Schlug hier vor knapp drei Wochen auf. Palmen, Meer und Dschungel Fehlanzeige. Und die höchste Erhebung ist das nahegelegene Atomkraftwerk. Heute morgen Eis von den Autoscheiben gekratzt. Alles richtig gemacht. Kälter und unspektakulärer ging nicht.“

 

 

 

 

 

 

 

Irgendwo in Indonesien – 5

Am großen Blumenfluss

5. Teil

Das tomollo dehnte sich weiter. Eine Geröll-Lawine hatte eine Bresche in die Verbindung nach Süden geschlagen, dicht vor der Stadt. Nichts ging mehr, für einen Tag, vielleicht zwei. Eines klaren Gedankens unfähig, verbrachte er den halben Tag wie im Fieber auf Zimmer Nummer 8. Das Damai schloss ihn ein. Das Leblose der Stadt gewann an Leben, die Lebenden darin wurden zu Geistern. Es kam niemand vorbei, keiner sprach ihn an. Irgendwann, die Zeit hatte sich verdrückt, die immer gleichen Bilder wurden durch die immer gleichen Bilder ersetzt, schlurfte er lustlos über eine Brücke und blickte auf den dunklen, großen Blumenfluss. Weiterlesen

Irgendwo in Indonesien – 4

Am großen Blumenfluss

4. Teil

Irgendwo in Asien, Daniel Dekkard, Saigon Sound

Auch auf der Terrasse des Damai blieb es ungewöhnlich ruhig. Obwohl das Hotel mitten im Ort lag, schafften es die Geräusche der Umgebung nicht über den Zaun, als befände sich alles jenseits in einer anderen Dimension. Nur einmal vermeinte er, von einem sanften Windzug hergetragen, ein Lied zu vernehmen, eine dünne Stimme. Sie sang die Zeilen eines bescheuerten, 29 Jahre alten Rocksongs.
Plenty of room at the Hotel California, any time of year, you can find it here.
Er lachte, stapfte auf sein Zimmer, zerklatschte drei Moskitos und schlief bis weit in den brüllheiß aufkommenden Vormittag. Weiterlesen

Irgendwo in Indonesien – 3

Am großen Blumenfluss

3. Teil

Er trug sich in das Gästebuch ein. Der letzte Besucher war hier vor sechs Wochen abgestiegen. Mister Suleiman Sukario. Als Beruf hatte er -Telekommunikation- angegeben und für drei Tage das Zimmer Nummer 8 bewohnt. Zwischen den Einträgen der Gäste klafften Lücken von zwei bis sechs Wochen. Das Damai vergeudete seine Größe an einsame Wanderer. Als es gebaut wurde, musste hier mehr los gewesen sein. Holz, Gewürze, Gold vielleicht. Heute kam man nur noch für die Telekommunikation. Den einzigen Ausländer fand Adrian, als er drei Monate im Gästebuch zurückblätterte. Colby, Australier. Unter Beruf stand dort „Teilzeit-Mensch“. Part-time human being. Ein Witzbold. Auch ihn hatte es bald wieder davongeweht. Hier lohnte nichts einen Aufenthalt. Weiterlesen

Irgendwo in Indonesien – 2

Am großen Blumenfluss

2. Teil

Stattdessen stand Adrian unversehens vor einem dreistöckigen Gebäude, kaum älter als vierzig Jahre, geschmückt mit einer imposanten Fassade, die den Kolonialstil der Europäer nachahmte. Ein umzäunter Vorplatz mit der Ausdehnung eines halben Fussballfeldes trennte es von der Straße. Auf der staubig rötlichen Ödnis verloren sich einzelne Büsche wie zufällig vom Himmel gefallen. Trocken stöhnten sie in der Sonne und wussten selbst nicht, wie sie hierher geraten waren. Auf der Terrasse vor dem Eingang dösten zwei wackelige Tische und knallblau gepolsterte Stühle, die man eher in einer italienischen Eisdiele vermuten würde. Eine mächtige Tür aus chinesischem Rotholz, mit filigranen Schnitzereien übersät, führte ins Innere. Adrian erwartete dort ein auf Jahrhundertwende gemachtes Interieur, wurde aber gleichzeitig enttäuscht und aufs Neue in Erstaunen versetzt. Weiterlesen